Auf Tuchfühlung mit der Weltspitze der Wissenschaft
21.07.2026600 ausgewählte Nachwuchsforschende aus 87 Ländern haben an der Nobelpreisträgertagung in Lindau teilgenommen – fünf von ihnen waren aus Würzburg.
Jährlich treffen bei einer Tagung in Lindau am Bodensee Nobelpreisträgerinnen und -preisträger auf den wissenschaftlichen Nachwuchs. Das mehrtägige Event dient nicht ausschließlich dem fachlichen Austausch. Im Vordergrund steht das ungezwungene Kennenlernen: Dabei können die jungen Forschenden von den Menschen mit der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnung viel für ihren eigenen Lebensweg mitnehmen.
Die 75. Nobelpreisträgertagung stand im Zeichen der Interdisziplinarität: Im Gegensatz zu den vorherigen fachspezifischen Treffen, war 2026 das Programm für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Physik, Chemie und Medizin offen. Aus Würzburg nahmen insgesamt fünf junge Forschende teil: ein Physiker, zwei Chemiker und zwei Promovierende aus der Medizin. Sie hatten für eine Teilnahme ein mehrstufiges internationales Auswahlverfahren durchlaufen.
Die Würzburger Forschenden erzählen von ihren Erfahrungen, ihren Gesprächen und was sie für die Zukunft mitgenommen haben.
Gespräche mit der Weltspitze der Wissenschaft
Fragt man Carsten Büchner, ob er anderen Nachwuchsforschenden eine Teilnahme an der Tagung empfehle, antwortet er: „Unbedingt! Das war sicherlich eine der prägendsten und eindrucksvollsten Wochen meines Lebens.“
Der Physiker promoviert über Ultraschalldiagnostik an Lithium-Ionen-Batterien am Fraunhofer-Institut für Silicatforschung und an der Graduate School of Life Sciences der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Eines seiner Highlights: Ein Abendessen mit Professor Klaus von Klitzing, JMU-Alumnus und 1985 für seine Entdeckung des Quanten-Hall-Effekts mit dem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet. „Noch spannender war der kulturelle Austausch. Schließlich trafen Menschen aus aller Welt aufeinander“, so Büchner.
Dr. Hermann Neitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am JMU-Lehrstuhl für Organische Chemie I, bleibt besonders sein Gespräch mit Professor Morten Meldal (Chemie-Nobelpreisträger 2022) in Erinnerung. „Wir haben uns über Details der Festphasensynthese von biologischen Makromolekülen unterhalten, einem automatisierten Verfahren zur Herstellung von beispielsweise DNA, RNA oder Peptiden.“ Die Konversation hat den Nachwuchswissenschaftler in der Ansicht bestätigt, „dass Forschung von Leidenschaft getrieben und diese unabhängig vom Gewinnen eines Nobelpreises ist.“
Ebenfalls aus der Würzburger Chemie in Lindau dabei war Philipp Kessler, Doktorand im Bereich der ultraschnellen Nanooptik am Lehrstuhl für Physikalische Chemie I. Er sieht den größten Mehrwert der Tagung, sich in thematisch freien Dialogformaten im kleinen Kreis austauschen zu können. Der Chemiker tauchte in persönliche Gespräche beim gemeinsamen Essen ein – wie etwa am Schwedischen oder Bayerischen Abend. Sein Highlight war das Mittagessen mit Professor Barry Sharpless, zweifacher Chemienobelpreisträger (2001, 2022).
Uniklinikum Würzburg: Zwei Promovierende in Lindau
Auch das Uniklinikum Würzburg war am Bodensee vertreten. Zwei Promovierende nahmen an der renommierten Tagung teil: Johanna Siegel, Postdoktorandin im Labor der Immunkardiologie am Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz, und Seungbin Han, der in der Arbeitsgruppe Translational Genomics promoviert.
Der Kardio-Immunologin hat gefallen, wie nahbar das Event war: „Es fühlte sich weniger an, als würde man berühmten Forschenden zuhören. Sondern eher, als würden wir mit Mentorinnen und Mentoren sprechen, denen wir und die nächste Wissenschaftsgeneration wirklich am Herzen liegen.“
Einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat für Siegel das Gespräch mit dem Medizinnobelpreisträger von 1996, Professor Rolf Zinkernagel. Während eines Mittagessens mit Blick auf den Bodensee half ihr sein kritischer Blick auf adaptive Immunmechanismen, ihre eigenen Erkenntnisse weiter zu hinterfragen.
Aus den Unterhaltungen mit der Weltspitze der Wissenschaft hörte Seungbin Han den Grundtenor heraus: „Wer keine Freude mehr an seiner Arbeit findet, sollte etwas suchen, das ihn wirklich bewegt.“ Denn Wissenschaft ohne echtes Interesse sei kein tragfähiges Fundament. Der Mediziner sieht den fachübergreifenden Dialog als besonders wertvoll. „Ich habe erkannt, wie eng alle wissenschaftlichen Felder miteinander verbunden sind.“ Jede Disziplin entwickele sich in ihrem eigenen Tempo, aber die Erkenntnisse fließen irgendwann zusammen und entfalten gemeinsam ihre Wirkung.
Zur Nobelpreisträgertagung 2026
Die 75. Lindauer Nobelpreisträgertagung fand vom 28. Juni bis 3. Juli 2026 statt. Eingeladen waren Studierende, Promovierende und Post-Docs aus aller Welt. Wissenschaftsakademien, Universitäten, Stiftungen und forschende Unternehmen aus aller Welt beteiligten sich daran.
Zum Jubiläumsjahr strömten 600 Nachwuchsforschende aus 87 Ländern an den Bodensee sowie 70 Nobelpreisträgerinnen und -preisträger – ein Rekord. Der Einladung nach Lindau folgte zudem die deutsche Politik: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundesforschungsministerin Dorothee Bär und Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume begrüßten die internationalen Forschenden. Altbundeskanzlerin Angela Merkel hielt eine Diskussionsrunde zur Wissenschaftsfreiheit.
