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  • Untersuchung eines Patienten durch Studierende der Medizin
Medizinische Fakultät

Professionelle Identitätsentwicklung im Medizinstudium

Die ärztliche Ausbildung umfasst mehr als den Erwerb diagnostischer und therapeutischer Fertigkeiten. Im Zentrum steht die professionelle Identitätsentwicklung (PIE) – die Entwicklung einer reflektierten ärztlichen Haltung, die fachliche Kompetenz mit Kommunikation, Verantwortung und gesellschaftlicher Einordnung verbindet.

Diese Kompetenzen sind longitudinal und fächerübergreifend im Curriculum verankert. Studierende werden kontinuierlich dabei unterstützt, ihre Rolle als Ärztin bzw. Arzt zu entwickeln und in einem komplexen sowie sich wandelnden Gesundheitssystem sicher zu handeln.

Die Entwicklung wird durch Kompetenzkonferenzen mit Reflexionsanteilen begleitet, die zentrale Themen über alle Studienabschnitte hinweg aufgreifen: von Lernorganisation und Umgang mit Belastung im vorklinischen Abschnitt über den Umgang mit schweren Krankheitsverläufen im klinischen Studium bis hin zu Teaminteraktion und Rollenverständnis im Praktischen Jahr.

Ein weiterer Baustein sind formative Assessments mit strukturiertem Feedback, die die Reflexionskompetenz gezielt fördern. Ergänzend erfolgt eine standardisierte Rückmeldung sozialer und professioneller Kompetenzen im Rahmen der Blockpraktika.

Professionelle Identitätsbildung beschreibt den Prozess, in dem Medizinstudierende schrittweise in ihre Rolle als Ärztin oder Arzt hineinwachsen. Dabei geht es nicht nur um den Erwerb von Fachwissen und praktischen Fertigkeiten, sondern vor allem um die Entwicklung von Haltungen, Werten und einem professionellen Selbstverständnis. Das Konzept der professionellen Identitätsbildung hat seine Wurzeln in der Sozialisationsforschung und der Psychologie. Identität wird dabei als dynamischer Prozess verstanden, der sich im Spannungsfeld zwischen individueller Entwicklung und gesellschaftlichen Erwartungen formt.

Für die Medizin wurde dieses Verständnis durch Arbeiten geprägt, die zeigen, wie stark Rollenbilder, Hierarchien und institutionelle Kulturen die Entwicklung angehender Ärztinnen und Ärzte beeinflussen. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich das Konzept in der medizinischen Ausbildungsforschung deutlich weiterentwickelt. Besonders einflussreich sind die Arbeiten von Richard Cruess, Sylvia Cruess und Yvonne Steinert, die professionelle Identitätsbildung als zentrales Ziel medizinischer Ausbildung beschreiben. Studierende sollen darin unterstützt werden, „wie Ärztinnen und Ärzte zu denken, zu handeln und zu sein“ („to think, act and feel like a physician“) (1).

Heute wird professionelle Identitätsbildung als kontinuierlicher, lebenslanger Prozess verstanden, der durch Erfahrungen im klinischen Alltag, durch Vorbilder, Feedback und Reflexion geprägt wird. Dieser Prozess findet immer statt, kann jedoch gezielt sichtbar gemacht und aktiv begleitet werden, um die Identitätsentwicklung zu fördern. Moderne Ansätze rücken dabei insbesondere die Bedeutung von Mentoring, Lernumgebungen und des sogenannten „hidden curriculum“ in den Fokus – also jener impliziten Werte und Normen, die im Alltag vermittelt werden, oft jenseits formaler Lehrpläne.

  1. Cruess, R. L., Cruess, S. R., Boudreau, J. D., Snell, L., & Steinert, Y. (2014). Reframing Medical Education to Support Professional Identity Formation. Academic Medicine, 89(11), 1446–1451. https://doi.org/10.1097/acm.0000000000000427

Zielgruppe: Studierende aller Gesundheitsberufe am Uniklinikum Würzburg

Grenzverletzungen sind im medizinischen Kontext ein relevantes und häufig unterschätztes Problem. Sie treten in unterschiedlichen Formen auf – von subtilen verbalen Übergriffen bis hin zu sexueller Belästigung – und können sowohl von Patientinnen und Patienten als auch von Kolleginnen und Kollegen ausgehen. Studien zeigen, dass viele Studierende im Laufe ihrer Ausbildung entsprechende Erfahrungen machen. Gleichzeitig ist die Medizin durch ausgeprägte hierarchische Strukturen und Abhängigkeitsverhältnisse geprägt, die es insbesondere Studierenden erschweren können, Grenzüberschreitungen zu benennen oder anzusprechen.

Lehrangebote schaffen hier einen geschützten Raum, um solche Situationen zu erkennen, einzuordnen und konkrete Handlungsstrategien zu entwickeln. Damit stärken sie nicht nur die individuelle Handlungssicherheit, sondern fördern auch ein professionelles Selbstverständnis im Sinne der professionellen Identitätsbildung: Studierende lernen, Grenzen zu setzen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv zu einer respektvollen, sicheren Lern- und Arbeitskultur beizutragen.

Deshalb haben wir folgende Angebote zur Unterstützung der Studierenden:

  • Abendveranstaltung: Grenzüberschreitungen (Vorstellung der Beratungsangebote)
  • Seminar: „Verbale Selbstverteidigung“ (Austausch über respektvollen Umgang im Klinikalltag mit praktischen Kommunikationsübungen zum Ansprechen von Missständen)

Mentoring ist ein wichtiger Baustein bei der Förderung der professionellen Identitätsbildung. Durch den Austausch mit erfahrenen Ärztinnen und Ärzten als Rollenvorbilder sowie strukturierte Reflexionsangebote erhalten Studierende die Möglichkeit, eigene Erfahrungen einzuordnen und ihre professionelle Haltung weiterzuentwickeln.

Wir haben dafür als freiwilliges Angebot für Studierende das Programm „Mentoring MED 5Plus1“ etabliert: In einem persönlichen Austausch mit erfahrenen Mentorinnen und Mentoren können Studierende individuelle Fragen jenseits des regulären Curriculums besprechen, ihre berufliche Orientierung schärfen und eigene Stärken und Entwicklungsfelder reflektieren.

Zielgruppe: Medizinstudierende/Hebammenstudierende, ab 5. Semester

Im Rahmen der PKU-Lehre wurde mit dem freiwilligen „PKU plus“-Format ein innovatives, interprofessionelles Kursangebot für Studierende der Humanmedizin und der Hebammenwissenschaften (jeweils ab dem 5. Semester) etabliert. Ziel ist die bewusste, frühzeitige Begegnung beider Professionen, um gegenseitiges Verständnis, Teamkompetenz und professionelle Zusammenarbeit zu fördern.

Didaktisch basiert das Format auf dem Flipped-Classroom-Ansatz. In einer vorbereitenden Online-Phase reflektieren die Teilnehmenden eigene Rollenbilder sowie professionsbezogene Vorurteile und lernen sich gegenseitig kennen. Diese Reflexion bildet die Grundlage für die anschließende Präsenzphase.

Im Zentrum des Simulationstags stehen zwei komplementäre Szenarien: eine fachbezogene Simulation mit strukturierter Übergabe (z. B. nach dem ISBAR-Schema) sowie eine professionsunabhängige Simulation mit Fokus auf Teamarbeit in herausfordernden Situationen. Unterschiedliche Rollen und gezielte Beobachtungsaufträge ermöglichen Perspektivwechsel, die in strukturierten Debriefings reflektiert werden.

Das Format fördert gezielt sowohl die Professional Identity Formation (PIF) als auch die Interprofessional Identity Formation (IPIF). Während PIF die Entwicklung eines professionellen Selbstverständnisses innerhalb der eigenen Berufsgruppe beschreibt, erweitert IPIF diese Perspektive um die Identifikation als Teil eines interprofessionellen Teams. Beide Prozesse stehen in enger Wechselwirkung: Erst eine gefestigte professionelle Identität ermöglicht eine reflektierte interprofessionelle Zusammenarbeit, während interprofessionelle Lernerfahrungen gleichzeitig die eigene professionelle Rolle schärfen. Forschung zeigt, dass insbesondere simulationsbasierte interprofessionelle Formate Rollenklärung, Teamkommunikation und gegenseitigen Respekt fördern und damit sowohl PIF als auch IPIF unterstützen. (link.springer.com; bmcmededuc.biomedcentral.com)

Der Kurs adressiert damit zentrale Lernziele moderner Gesundheitsausbildung: interprofessionelle Zusammenarbeit, reflektierte Rollenentwicklung und patient*innenzentrierte Teamarbeit. Der Kurs wird wissenschaftlich begleitet und kontinuierlich weiterentwickelt.

Die Würzburger Interprofessionellen Ausbildungsstation (WIPSTA)  ist ein innovatives Lehrformat des Universitätsklinikums Würzburg zur Förderung der interprofessionellen Zusammenarbeit zwischen Medizin und Pflege. Eine enge Zusammenarbeit beider Berufsgruppen ist eine wichtige Voraussetzung für eine sicherequalitativ hochwertige und patientenzentrierte Versorgung. Gemeinsames Lernen und Arbeiten stärkt dabei das gegenseitige Verständnis, verbessert die Kommunikation im klinischen Alltag und fördert eine wertschätzende Zusammenarbeit im Team.

Die WIPSTA richtet sich an PJ-Studierende im Fach Chirurgie sowie an Auszubildende zur Pflegefachfrau bzw. zum Pflegefachmann im dritten Ausbildungsjahr. Das Lehrformat ist fest in die praktische Ausbildung integriert und findet jährlich auf wechselnden chirurgischen Stationen des Universitätsklinikums Würzburg statt. Ziel ist es, die Teilnehmenden frühzeitig auf eine kooperative Berufspraxis vorzubereiten und ihnen die Möglichkeit zu geben, Verantwortung in der Patientenversorgung gemeinsam zu übernehmen.

Das Curriculum umfasst insgesamt vier Wochen. Zu Beginn nehmen die Teilnehmenden an interprofessionellen Workshops teil. Inhalte sind unter anderem Teamkommunikation, strukturierte Übergaben nach dem ISBAR-SchemaWundversorgungFAST-TRACK sowie gemeinsame Entscheidungsprozesse im klinischen Alltag. Anschließend folgt eine strukturierte Einarbeitung auf der Station durch erfahrene Pflegefachpersonen und Stationsärztinnen bzw. Stationsärzte.

In den darauffolgenden zwei Wochen übernehmen die Teilnehmenden gemeinsam und unter kontinuierlicher Supervision zentrale Aufgaben der Patientenversorgung. Dazu gehören beispielsweise die Organisation des Stationsalltags, gemeinsame Visiten, die Abstimmung therapeutischer Maßnahmen sowie die Kommunikation mit Patientinnen und Patienten und anderen Berufsgruppen. Die Verantwortung wird dabei schrittweise erweitert und durch das multiprofessionelle Team begleitet.

Ein zentrales Element der WIPSTA sind tägliche Reflexionsgespräche, in denen Erfahrungen aus dem klinischen Alltag gemeinsam besprochen werden. Dadurch werden insbesondere KommunikationsfähigkeitReflexionskompetenz und inter-professionelle Handlungskompetenz gefördert.

Die WIPSTA steht für eine moderne, praxisnahe und kooperative Ausbildung im Gesundheitswesen und leistet einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung eines professionellen und patientenorientierten Teamverständnisses.

Studierende der Humanmedizin erhalten in den zweiwöchigen Blockpraktika (10. Semester) strukturierte Rückmeldungen zu sozialen und professionellen Kompetenzen.

Ziel ist es, sie bei ihrer Rollenentwicklung im klinischen Alltag zu unterstützen. Hierfür wurde ein Beobachtungs- und Feedbackbogen entwickelt, der Kompetenzen in den Bereichen Eigenverantwortung („Agency“), Zugewandtheit („Communion“) und Belastbarkeit bzw. Reflexionsfähigkeit („Resilienz“) adressiert. Die Kriterien orientieren sich an aktuellen wissenschaftlichen Konzeptualisierungen ärztlicher sozialer Kompetenzen und werden als semantische Differenziale beschrieben, etwa zwischen „zeigt Eigeninitiative“ und „wartet passiv“ oder zwischen „kommuniziert wertschätzend“ und „wirkt abwertend“. In einzelnen Fächern wird das Instrument pilotierend gemeinsam mit den Studierenden genutzt, in anderen zunächst zur Sensibilisierung oder sogar zur Unterstützung bestehender Bewertungs- und Feedbackprozesse eingesetzt. Teilweise wird der Bogen regelhaft in Abschlussgespräche integriert (z.B. Allgemeinmedizin).

Zielgruppe: Studierende der Human- und Zahnmedizin (Vorklinik, 2. und 3. Fachsemester)

Die Fähigkeit zur kritischen Reflexion gilt als Schlüsselkompetenz der ärztlichen professionellen Identitätsentwicklung (PIE) und erfordert Übung, die durch frühzeitige curriculare Implementierung ermöglicht werden kann. Mündliche Reflexionsformate wie Reflexionsrunden in Peer-Gruppen sind hierfür ein besonders wirksames Format.

Begleitend zu den Kursen der makroskopischen und mikroskopischen Anatomie, bieten Reflexionsrunden bereits früh im Studium einen strukturierten Rahmen, um zentrale Herausforderungen wie Prüfungsdruck, Lernmotivation, ethische Verantwortung und die Entwicklung individueller Lernstrategien, insbesondere in einem stark visuell geprägten Fach wie der Anatomie, gezielt zu adressieren. Durch soziale Validierung („Es geht allen so“) wird eine unmittelbare emotionale Entlastung erzielt, während der Peer-Coaching-Ansatz die kollektive Selbstwirksamkeit fördert. Das Stärken der Reflexionsfähigkeit und die soziale Interaktion im Format tragen maßgeblich zur PIE bei.

Konkret basieren die Reflexionsrunden auf einem Peer-to-Peer-Ansatz, um einen hierarchiefreien und offenen Austausch zu gewährleisten. Ein Mal pro Semester reflektieren die Studierenden in Kleingruppen von ca. 10 Personen, begleitet von Tutorinnen und Tutoren aus höheren Semestern. Methodisch orientiert sich der leitfragenbasierte Austausch an den Phasen Assoziation, Reflexion und Lösungsentwicklung. Im Zentrum stehen zwei komplementäre Themenbereiche: „Lernen in der Mikroskopischen bzw. Makroskopischen Anatomie“ und „Umgang mit Prüfungsdruck“. Die Erkenntnisse der Sitzungen dienen Lernenden und Lehrenden zur Optimierung von Lernstrategien und Lehrmethoden. Das Format wird wissenschaftlich begleitet und kontinuierlich weiterentwickelt. 

Um die Studierenden langfristig in Ihrer Entwicklung zu fördern, werden die Reflexionsrunden longitudinal integriert. So nutzt auch die Chirurgie dieses Format bereits mit den Studierenden der Humanmedizin.

Zusammenfassend adressieren die Reflexionsrunden zentrale Lernziele der modernen medizinischen Ausbildung: die Entwicklung einer reflektierten professionellen Haltung, die Stärkung der Resilienz sowie das Erarbeiten eines effizienten Wissens- und Selbstmanagements.