Vom Luxushotel in die Brennpunktschule
05.05.2026Ende März haben Mitglieder der Professional School of Education der Uni Würzburg das Flagler College in Florida besucht. Beim Austausch vor Ort und beim Besuch an einer Schule zeigte sich Überraschung auf beiden Seiten.
Seit 2025 ist das Modellprojekt Lehramt.International „Global Teacher Education plus“ (GoTEd+) an der Professional School of Education (PSE) der Universität Würzburg angesiedelt. Finanziert vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), ist das Ziel dieser Initiative, im Rahmen von Kooperationen mit internationalen Partnerhochschulen die strukturelle Vergleichbarkeit der Lehramtsstudiengänge und damit die Anerkennung von Studienleistungen gezielt voranzutreiben und modellhaft umzusetzen.
Das Projekt fördert nicht nur die studentische Mobilität im Rahmen fachlicher Auslandsaufenthalte; es unterstützt auch Gastdozenturen sowie Anbahnungsreisen deutscher und internationaler Forschender und Bildungsexpertinnen und -experten. Während Professorin Maria Eisenmann Ende März über das GoTEd+ Projekt eine einwöchige Gastdozentur am Flagler College wahrnahm, waren zeitgleich Dr. Matthias Erhardt, Geschäftsführer der PSE, und Maike Madera, Projektkoordinatorin GoTEd+ und Erasmus+ Koordinatorin vor Ort.
Frau Madera, Herr Erhardt, Frau Eisenmann: Sie sind vor Kurzem als Vertreter der Professional School of Education nach Florida gereist, um dort das Flagler College zu besuchen? Was war denn der Zweck dieses Besuchs?
Matthias Erhardt: Das Flagler College ist seit 2025 Partneruniversität der PSE. Ziel unseres Aufenthalts war es jetzt, Einblicke in das amerikanische Bildungssystem und insbesondere in die Lehramtsausbildung am College zu gewinnen.
Wie war ihr Eindruck von diesem College?
Maike Madera: Das Flagler College befindet sich in St. Augustine an der Ostküste Floridas. Es beeindruckt bereits auf den ersten Blick durch seine außergewöhnliche Architektur: Das heutige Hauptgebäude diente Ende des 19. Jahrhunderts als luxuriöses Hotel. Seit nunmehr rund 60 Jahren wird es für universitäre Lehre genutzt – und noch immer speisen die Studierenden im prachtvollen ehemaligen Speisesaal des Hotels.
Ich vermute allerdings, es ging Ihnen nicht nur um architektonische Eindrücke.
Matthias Erhardt: Nein, natürlich nicht. Während unseres Aufenthalts fand die sogenannte „Educational Week“ statt – eine Veranstaltungsreihe, die Studierende in lehramtsbezogenen Studiengängen gezielt auf den Berufseinstieg vorbereitet. Diese bot uns ideale Gelegenheiten, mit Vertreterinnen und Vertretern der Erziehungswissenschaften sowie mit Kolleginnen aus dem International Office in Kontakt zu treten. Ein intensiver Austausch über Studieninhalte, das Collegeleben sowie den Übergang vom Studium in den Lehrberuf wurde so in besonderem Maße ermöglicht.
Gab es dabei etwas, das Sie besonders beeindruckt hat?
Maike Madera: Besonders eindrücklich fand ich die enge Verzahnung von College, Schulen und Schulbehörden. Alle Beteiligten verfolgen das gemeinsame Ziel, die Studierenden gemeinsam bestmöglich auf die Anforderungen des Schulalltags vorzubereiten. Durch die vergleichsweise kleine Studierendenzahl ist dabei eine individuelle, wertschätzende und bestärkende Begleitung möglich.
Maria Eisenmann: Hervorzuheben ist insbesondere das Zusammenspiel von theoretischen Inhalten, didaktischer Ausbildung und praktischer Erprobung: Sogenannte „Core Practices“ werden frühzeitig eingeübt und im Rahmen wöchentlicher Hospitationen an umliegenden Schulen direkt erprobt – inklusive unmittelbar anschließenden Feedbacks durch Lehrkräfte und Dozierende des Flagler College.
Haben Sie das in den Schulen auch selbst erleben dürfen?
Matthias Erhardt: Ja, wir erhielten einen konkreten Einblick in diese Praxis bei einem Besuch an der Webster Elementary School. Diese Grundschule vereint Regel- und Förderklassen unter einem Dach und gehört als sogenannte „Title 1 School“ zu den Schulen, die aufgrund ihrer sozioökonomischen Rahmenbedingungen zusätzliche finanzielle Unterstützung erhalten.
Wie groß sind denn die Unterschiede zwischen einer Schule in Bayern und einer in Florida?
Maike Madera: Tatsächlich gibt es einige deutliche Unterschiede zum deutschen Schulalltag – angefangen bei einer umfassenden Kameraüberwachung über die Präsenz eines Sheriffs auf dem Schulgelände bis zu Notfallknöpfen an den Transpondern der Lehrkräfte, mit denen im Ernstfall unmittelbar Polizeikräfte alarmiert werden können.
Über diese Sicherheitsmaßnahmen hinaus: Welche Unterschiede konnten Sie noch bemerken?
Maria Eisenmann: In den für unsere Verhältnisse eher kleinen Schulklassen sind oft nicht nur die regulären Lehrkräfte anwesend, sondern auch Unterstützungslehrkräfte oder in anderen Fällen auch Elternteile oder Verwandte einiger Schülerinnen und Schüler. Diese sollen Kinder, die in herausfordernden Situationen besonderen Betreuungsbedarf haben, bestmöglich begleiten und unterstützen.
Ich vermute, dass Studierende und Lehrkräfte aus den USA sich ebenfalls über manches Detail wundern, wenn sie deutsche Schulen besuchen.
Maike Madera: Davon ist auszugehen. Gezeigt hat sich das beispielsweise, als wir im Rahmen des Panels „Teaching Beyond Borders“ unsere Erfahrungen mit den Erfahrungen von Studierenden des Flagler College abgleichen konnten, die bereits Praxisphasen an Schulen in Bad Neustadt absolviert hatten. Die waren doch von so manchen Beobachtungen ziemlich irritiert – etwa über geschlossene Geschäfte an Sonntagen oder die in Deutschland selbstverständliche Möglichkeit, in Klassenräume die Fenster öffnen zu können.
Matthias Erhardt: Aus diesen Beobachtungen ergab sich dann eine lebendige Diskussion über Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Entwicklungspotenziale in den jeweiligen Bildungssystemen der beiden Länder sowie in der Lehramtsausbildung.
Wie lautet Ihr Fazit nach diesem Besuch?
Maike Madera: Wir hatten einen intensiven und äußerst bereichernden Aufenthalt, der die Zusammenarbeit zwischen unseren Institutionen weiter gefestigt hat. Und jetzt blicken wir mit großer Vorfreude auf die kommenden Schritte unserer Kooperation und nehmen zahlreiche inspirierende Impulse für die Weiterentwicklung der Lehramtsausbildung mit nach Deutschland.
Was bedeutet das für Lehramtsstudierende der Uni Würzburg?
Matthias Erhardt: Im Rahmen des GoTEd+-Projekts werden Stipendien für fünfmonatige kombinierte Studien- und Praktikumsaufenthalte an den Partneruniversitäten vergeben. Es ist vorgesehen, dass Würzburger Lehramtsstudierende bis zum Ende der Projektlaufzeit im Jahr 2029 auch die Möglichkeit erhalten, am Flagler College in Florida zu studieren. Wer sich dafür interessiert, sollte die Homepage der PSE, ihren Instagram-Account oder die Rundmails aufmerksam verfolgen, um keine aktuellen Ausschreibungen zu verpassen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Kontakt
Dr. Matthias Erhardt, PSE, Maike Madera, PSE, T +49 931 31-83533, E-Mail: goted@uni-wuerzburg.de, https://www.uni-wuerzburg.de/pse/
