Klassizismus, sentimental
28.07.2026Das Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg nennt ab sofort ein weiteres Werk des Wiener Klassizisten Füger sein Eigen. In der Gemäldegalerie wird die Schenkung vermutlich gemischte Reaktionen auslösen.
Heinrich Friedrich Füger, der spätere „Kunstpapst von Wien“, gehörte als junger Mann zu dem anschwellenden Strom von Künstlern, die seit dem mittleren 18. Jahrhundert nach Italien zogen. Ihre Motivation: Vervollkommnung ihrer Kunst im Angesicht der als ideal empfundenen Werke aus Antike und Neuzeit.
Im Juli 1777, ein halbes Jahr nach Ankunft in Rom, nennt Füger im schönsten Aufklärungsjargon seine Vorbilder: „So wie der Verstand und die feinere Empfindung der Seele den wahren Vorzug des Menschen ausmacht, so sind auch die Werke die vorzüglichsten, die für diese beiden bearbeitet sind. Die vier großen Namen eines Raphael, Domenichino, Poussin und Le Sueur sind mein Beweiß.“
Der aus Bologna stammende, Domenichino genannte Maler Domenico Zampieri gehörte im Rom des frühen 17. Jahrhunderts zu den Künstlern, die der klassischen Überlieferung absolute Autorität zumaßen. Von diesem „Barock-Klassizisten“ ließ Füger sich in Rom nachhaltig inspirieren; noch 1802 gab er Zeichnungen in Druck, die er ein Vierteljahrhundert früher nach Werken Domenichinos angefertigt hatte.
Glaube, Liebe, Hoffnung als weibliche Halbfiguren
Damals war Füger seit sieben Jahren Direktor der Wiener Kunstakademie. Um dieselbe Zeit, kurz nach 1800, dürfte auch ein Gemälde entstanden sein, das jetzt dem Martin von Wagner Museum von privat geschenkt wurde. Das querovale Bild zeigt die christlichen Tugenden – Glaube, Liebe, Hoffnung – als weibliche Halbfiguren, die zum göttlichen Licht aufblicken.
„Ihre Abstammung von Domenichino können diese drei jungen Frauen nicht verleugnen“, meint Damian Dombrowski, Direktor von Gemäldegalerie und Graphischer Sammlung. „Insbesondere die Serie von Domenichinos Sibyllen aus den 1610er-Jahren hat hier ganz offensichtlich Pate gestanden.“ Bezeichnenderweise war der himmelnde Blick, der die Tugenden auszeichnet, bei Füger erstmals in seinen römischen Werken aufgetaucht.
Die Freude Dombrowskis, der zugleich Professor für Kunstgeschichte ist, über den Neuzugang hat seinen Grund: „Erst im vergangenen Herbst konnten wir eine großformatige Komposition Fügers für die Sammlung sichern, auch weil die Universität Würzburg die Hälfte der Kosten übernommen hat. Dieser Ankauf war für uns besonders wichtig, weil Martin von Wagner an der Wiener Akademie bei Füger studiert hat.“
Eine andere Seite des Klassizismus
Seitdem hängen mit Fügers Thetis vor Zeus und Wagners Rat der Griechen zwei monumentale Werke von Lehrer und Schüler in der Gemäldegalerie einander gegenüber – sogar thematisch aufeinander abgestimmt, denn die Sujets beider Gemälde stammen aus Homers Ilias. „Mit dem per Schenkung erworbenen Bild wird bald aber auch eine ganz andere Seite des Klassizismus zu sehen sein“, kündigt Dombrowski an.
Wie Wagner schon in seiner Wiener Zeit bekannte, waren „der Homer und die Bibel“ seine liebsten Bücher. Diese Vorliebe galt für große Teile des Klassizismus. Neben Gestalten und Historien der Antike wurden weiterhin auch christliche Themen dargestellt – auf lange Sicht sogar mit der größeren Durchsetzungskraft, denn sie leiteten schließlich zur Romantik über.
Die Trias der christlichen Tugenden geht auf den Korintherbrief des Apostels Paulus zurück; sie erweiterte den antiken Kanon der Kardinaltugenden. Als weibliche Personifikationen waren Glaube, Liebe und Hoffnung in der christlichen Bildkunst seit dem frühen Mittelalter unzählige Male dargestellt worden.
Ist das Kitsch oder Kunst?
Doch die hier gewählte Ikonographie ist, wie Dombrowski erläutert, etwas grundsätzlich Neues: „Tugenden sind Charaktereigenschaften; auch in personifizierter Form hatten sie ihren Status als letztlich abstrakte Attribute stets beibehalten. Füger hingegen lädt seine Tugenden mit einer Empfindung der Ergriffenheit auf, wie sie bis dahin der Schilderung frommer Heiliger im Angesicht des Wunders vorbehalten war.“
Für diese sentimentalische Aufladung sorgen vor allem die himmelnden Blicke der drei Figuren, die Füger sich bei Domenichino abgeschaut hat. Gerade dieses Merkmal werde kontroverse Kommentare auslösen, prophezeit Dombrowski: „Bestimmt wird da auch von ‚Kitsch‘ die Rede sein. Historisch gesehen, ist eine solche Kategorisierung jedoch unrichtig, denn Fügers Tugenden spiegeln die religiöse Bildkultur seiner Zeit in Reinform wider.“
Und dies sogar in bestechender Qualität. Allein ein Gemälde mit dem Titel Die Andacht, das 2019 in München versteigert wurde, lässt sich den Christlichen Tugenden an die Seite stellen, ikonographisch wie qualitativ. Andere Werke ähnlichen Inhalts, auch in öffentlichen Sammlungen, stehen an künstlerischer Höhe dahinter zurück.
Hocherfreute Spender
Bei der Übergabe an das Martin von Wagner Museum zeigten sich die vormaligen Eigentümer Marc Stabernack und Heinz-Günther Sowart hocherfreut über den Ort, der für das Gemälde aus ihrem Besitz bereits reserviert ist: Im Klassizismus-Saal der Gemäldegalerie wird es in der Nähe von Thetis und Zeus hängen, aber doch mit der nötigen Distanz, um nicht von dem monumentalen Füger erdrückt zu werden.
Die Offenbacher Stabernack und Sowart besuchten die Gemäldegalerie zum ersten Mal – und stellten erstaunt fest, dass es sich bei der Destination ihres Bildes um – wie sie es ausdrückten – einen „kleinen Louvre“ handle. Mit ihrer Schenkung ist das Museum auf jeden Fall erneut ein Stückchen reicher geworden – und die Abteilung zur „Sattelzeit“ wieder ein wenig vollständiger.
