Kindergeld automatisch: Reform kann Familien spürbar entlasten
09.07.2026Ob Anträge auf Kindergeld oder die Steuererklärung: Automatisierte Verfahren könnten viele Menschen zeitlich und mental entlasten. Das zeigen drei Wirtschaftsprofessoren in einer neuen Studie.
Das Kindergeld soll in Deutschland künftig automatisch nach der Geburt eines Kindes ausbezahlt werden, ohne dass die Eltern dafür einen Antrag stellen müssen. Das hat der Bundestag auf seiner Sitzung am 9. Juli 2026 beschlossen. In Kraft treten soll das Gesetz zum 1. Januar 2027.
Konkret bedeutet dies: Nach der Geburt eines Kindes informiert das Standesamt in Zukunft automatisch das Bundeszentralamt für Steuern und dieses wiederum die Familienkasse. Die überweist dann ohne weiteres Antragsverfahren das Kindergeld an die Eltern.
Wie stark Familien durch das neue Verfahren zukünftig entlastet werden, zeigt eine aktuelle Studie von drei Professoren aus Berlin, Frankfurt und Würzburg – sie haben sich in den vergangenen Monaten mit genau diesem Thema beschäftigt.
Menschen zu Reform-Szenarien befragt
Worum es in der Studie geht? Das erklärt Steffen Altmann, Leiter des Lehrstuhls für Arbeitsmarkt- und Organisationsökonomik an der Universität Würzburg:
„Wir untersuchen, wie sehr es Menschen entlastet, wenn Anträge oder Verwaltungsverfahren einfacher werden oder ganz automatisch ablaufen – und welche positiven Folgen das für andere Lebensbereiche haben kann.“
Für ihre Analyse führten die Forscher unter anderem eine Befragung unter der deutschen Bevölkerung durch, in der es um Reformen beim Kindergeld, beim Elterngeld und bei der Steuererklärung geht. Der in der Studie untersuchte Reformvorschlag zum Kindergeld stimmt dabei exakt mit dem jetzt verabschiedeten Gesetz der Bundesregierung überein.
80 Prozent weniger Zeitaufwand beim Kindergeld
Erste Auswertungen der Umfrage zeigen: Durch das antragslose Kindergeld können Eltern im Schnitt fast vier Stunden Zeit sparen. Da auch in diesem Verfahren nicht sämtliche Schritte ersatzlos entfallen, bedeutet das immerhin rund 80 Prozent weniger Zeitaufwand im Vergleich zum jetzigen Antragsverfahren. Die Befragten erwarten außerdem, dass die Reform auch ihre mentale Belastung deutlich reduziert. Auf einer Skala von 0 (geringe Belastung) bis 10 (hohe Belastung) sanken die Einschätzungen von Komplexität, Stress, und Unsicherheit um jeweils rund 1,5 bis 2,5 Punkte.
Vier Stunden Zeitersparnis – das mag sich nach wenig anhören, aber: „Gerade junge Eltern stehen unter Stress. Sie treten in eine neue Lebenssituation ein und haben unterschiedlichste administrative Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen – etwa Kindergeld, Elterngeld und Geburtsurkunde beantragen, Krankenversicherung regeln, Kita-Betreuung organisieren, einen Kinderarzt finden und Termine für Pflichtuntersuchungen wahrnehmen“, sagt Professor Altmann.
In dieser Situation sei jede Zeitersparnis ein Gewinn. Zusätzliche Reformen – etwa beim Elterngeld – könnten junge Familien weiter spürbar entlasten. Veranschlagt man den finanziellen Wert der gesparten Zeit mit dem Stundenlohn der jungen Eltern, ergibt sich den Forschern zufolge bei einer kombinierten Verfahrensvereinfachung von Kinder- und Elterngeld eine Einsparung von bis zu 107 Millionen Euro jährlich.
Riesiges Potential auch in anderen Bereichen
„Die Vereinfachung administrativer Prozesse darf nicht beim Kinder- und Elterngeld aufhören: Unsere Studie zeigt, dass auch Erleichterungen in anderen Lebensbereichen ein großes Potential haben“, sagt Andreas Grunewald, Professor für Mikroökonomie an der Frankfurt School of Finance & Management.
Etwa bei der Steuererklärung. Wie sich vereinfachte Verfahren hier auswirken würden, haben die Wissenschaftler ebenfalls analysiert: Sie untersuchten die Effekte einer Umstellung auf eine automatisierte Steuererklärung, wie sie zum Beispiel in Dänemark üblich ist. Dort führt die Steuerbehörde die meisten Daten in einem Online-Portal zusammen; die Steuerpflichtigen müssen das Ergebnis nur noch prüfen und bei Bedarf korrigieren.
Die Teilnehmer der Studie schätzen, dass sie durchschnittlich drei Stunden und zwanzig Minuten weniger Zeit für ihre Steuererklärung bräuchten, wenn dieses Modell in Deutschland eingeführt würde.
„Wenn man bedenkt, wie viele Bürgerinnen und Bürger jährlich ihre Steuererklärung machen müssen, könnte man mit dem dänischen Modell Millionen von Stunden sparen, die die Leute mit anderen Aktivitäten verbringen könnten“, so der Frankfurter Professor.
Steuererklärung: Pilotversuch kann nur der Anfang sein
„Wenn die Politik will, dass wir mehr arbeiten, muss sie auch die Rahmenbedingungen dafür schaffen und die Bürgerinnen und Bürger nicht mit unnötigem administrativem Aufwand belasten“, sagt Jonas Radbruch, Juniorprofessor in der Forschungsgruppe Mikroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Hier schlummere ein enormes Potential: „Pilotversuche wie das nach dänischem Vorbild in Hessen initiierte und kürzlich auf andere Bundesländer ausgeweitete Projekt ‚Die Steuer macht jetzt das Amt für Sie‘ sollten daher nur der Anfang sein“, so der Berliner Forscher.
Dementsprechend begrüßen die drei Wissenschaftler die nach Berichten der ARD im Reformpaket der Bundesregierung vereinbarte Vereinfachung bei Steuererklärungen. Dazu sollen die Finanzminister von Bund und Ländern jetzt gemeinsame Vorschläge erarbeiten. Die Bundesregierung will darauf basierend ihre Pläne zur Steuervereinfachung vorlegen. In einem ersten Schritt könnte tatsächlich eine automatisch vorausgefüllte, digitale Steuererklärung eingeführt werden.
Wichtig sei es jedoch, so die Experten, dass diese Projekte umfassend wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden.
Fakten zur Studie
Die drei Forscher haben in der Umfrage bei zwei Stichprobengruppen Erfahrungen mit den aktuell geltenden Antragsverfahren und Einschätzungen zu verschiedenen Reformvorschlägen eingeholt. Befragt wurden
- rund 500 in Deutschland lebende Eltern mit kleinen Kindern zu Kindergeld- und Elterngeld-Verfahren
- circa 1.000 steuerpflichtige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zur Steuererklärung.
Die Fragen betrafen unter anderem
- den Zeitaufwand für Kindergeldantrag / Elterngeldantrag / Steuererklärung im aktuellen Verfahren sowie den dabei empfundenen Stress, Unsicherheit etc.
- den Zeitaufwand, den die Befragten im jeweiligem Reformszenario erwarten:
- Antragsloses Kindergeld
- Vorausgefüllter Elterngeld-Antrag
- Automatisierte Steuererklärung nach dänischem Vorbild
- den „Geldwert“ der Zeitersparnis
- sonstige Einschätzungen zu den Reformvorschlägen, etwa im Hinblick auf Entlastung / Stress, Datenschutzbedenken, Vertrauen in die jeweiligen Prozesse
Kontakt
Prof. Dr. Steffen Altmann, Universität Würzburg, steffen.altmann@uni-wuerzburg.de
Prof. Dr. Andreas Grunewald, Frankfurt School of Finance & Management, a.grunewald@fs.de
Prof. Dr. Jonas Radbruch, Humboldt-Universität zu Berlin, jonas.radbruch@hu-berlin.de
Die Studie
Die Studie „The Double Dividend of Attention-Releasing Policies“ kann hier heruntergeladen werden (PDF).
