Ein geographischer Blick auf den Wein
12.05.2026Geographische Veränderungen und deren Folgen für den Weinbau standen im Zentrum einer Veranstaltung an der Uni Würzburg mit mehr als 100 Besucherinnen und Besuchern.
Wie wirken sich geographische und klimatische Veränderungen auf den Weinbau in Franken bereits heute aus? Welche Entwicklungen sind künftig für die Weinregion Franken und darüber hinaus zu erwarten? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Abendveranstaltung „Die Geographie des Weins“ Anfang Mai 2026 mit rund 100 Teilnehmenden im Foyer der Neubaukirche.
Die Arbeitsgruppen Klimatologie, Humangeographie und Wirtschaftsgeographie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) hatten die Veranstaltung gemeinsam mit der Geographischen Gesellschaft Würzburg organisiert.
Wein ist eine besondere Kulturpflanze
Zum Hintergrund: Wein prägt Regionen und lokale Identitäten wie kaum eine andere Kulturpflanze. Als jahrtausendealtes Genussmittel ist Wein nicht nur kulinarisch relevant, sondern prägt auch Geographien. Wein ist Geographie – das jeweilige lokale Terroir, Relief und Klima sind dafür verantwortlich, dass Weine so vielfältig und unverwechselbar sind.
Aktuelle geographische Veränderungen stellen jedoch für den Weinbau neue Herausforderungen dar, denn Geographie macht Wein. So führt beispielsweise der Klimawandel dazu, dass bestimmte Rebsorten nicht mehr oder wieder neu angebaut werden können und Anbau- und Herstellungstechniken an den Wandel angepasst werden müssen. Und neue Vertriebs- als auch Kommunikationswege eröffnet lokalem Wein globale Perspektiven.
Klar ist also, dass es nicht „die eine Geographie des Weins gibt. Vielmehr kann das Fach Geographie Entwicklung, Zustand und aktuelle Herausforderungen des Weinbaus in ihren vielfältigen Dimensionen multiperspektivisch erfassen“, wie Professorin Marit Rosol in ihrer Einführung zur Veranstaltung betonte. Rosol leitet an der JMU den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie.
Als Disziplin mit sowohl naturwissenschaftlichen wie auch sozialwissenschaftlichen Grundlagen untersucht die Geographie zum Einen landschaftsverändernde geomorphologische Prozesse, die Beschaffenheit von Böden sowie klimatische Veränderungen. Zum Anderen betrachtet die humangeographische Perspektive Fragen regionaler Identitäten, den Wandel ländlicher Räume oder auch die Auswirkungen globaler ökonomischer Entwicklungen. Physischer Raum, Umweltwandel und gesellschaftliche Entwicklungen prägen damit die Geographie des Weins ebenso wie globale Dynamiken und lokale Praktiken.
Weinbau in Franken: jahrhundertalte Tradition und aktuelle Herausforderungen
Das Klima hat Heiko Paeth im Blick. Er ist Professor für Klimatologie an der JMU; seine Forschung zeigt, dass sich bereits heute der Klimawandel in Franken durch steigende Temperaturen, Hitzestress, längere Trockenzeiten und Starkregenereignisse bemerkbar macht. Seine Klimamodelle zeigen, dass sich diese Entwicklung künftig noch verstärken wird – mit drastischen Auswirkungen auf den Weinbau in Franken.
„Eine Befragung von Winzerinnen und Winzern hat ergeben, dass viele Betriebe die Folgen des Klimawandels deutlich spüren, zum Beispiel durch stärkeren Sonnenbrand an den Rebstöcken, erhöhten Alkoholgehalt der Weine sowie früheren Reife- und Lesebeginn“, berichtete Paeth. Deshalb müssten schon jetzt Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel getroffen werden.
Mehr Grün in den Weinbergen, mehr Bewässerung sowie ein Wechsel der angebauten Rebsorten sind die meistgenannten Anpassungsmaßnahmen, wie Paeths Forschungsergebnisse zeigen. Die künftige klimatische Entwicklung lasse neue Weinbergslagen sowie neue Keller- und Kultivierungstechniken als weitere Anpassungen erwarten, so der Klimaforscher.
Soziale Medien und die Vermarktung im Ausland gewinnen an Bedeutung
Doch es verändert sich nicht nur der Weinanbau, sondern auch die Nachfrage nach Wein. Dr. Rebekka Kanesu, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie, thematisierte in ihrem Vortrag den rückläufigen Alkoholkonsum gerade unter jüngeren Menschen als zusätzliche Herausforderung für den Weinbau. Auch veränderte Geschlechterverhältnisse und der digitale Wandel prägen ihren Worten nach Wahrnehmung und Vermarktung von Wein.
In ihrer Forschung untersucht Rebekka Kanesu die sich wandelnde Rolle von Weinhoheiten im Weinmarketing. „Als örtliche Weinprinzessin, als Gebietsweinkönigin oder als deutsche Weinkönigin haben die ehrenamtlich tätigen Hoheiten die Aufgabe, Weine und ihre Herkunftsregionen zu vermarkten“, schilderte Kanesu. Ihre Untersuchungen zeigen, dass die Vermarktung im Ausland wie auch die Nutzung sozialer Medien immer wichtiger werden. „Die Kommunikation über Wein als Produkt ändert sich, indem lokale Produkte potenziell internationale Reichweiten erlangen, neue Zielgruppen angesprochen werden und sich neue Netzwerke bilden können“, so die Forscherin.
Einen kurzen Abriss von 1.200 Jahren Weinbau in Franken präsentierte Dr. Markus Frankl den Zuhörerinnen und Zuhörern. Der Leiter der Vinothek des Juliusspitals und Erster Vorsitzender des Vereins „Gästeführer Weinerlebnis Franken“ stellte in seiner historischen Einführung dar, wie sich die Techniken und Formen des Anbaus, die Menge und Qualität des konsumierten Weins sowie dessen Vermarkung im Lauf der Geschichte immer wieder wandelten.
Rege Diskussion weckt den Wunsch nach einer Fortsetzung
In der anschließenden Diskussion standen unter anderem Fragen nach Wein als Spekulationsobjekt, kulturellen Zuschreibungen beim Wein sowie möglichen Zukunftsszenarien für den fränkischen Weinbau im Zentrum. Auch die Novellierung des deutschen Weinrechts und die zunehmende Bedeutung alkoholfreier Weine wurden thematisiert.
Die Diskussion dieser Fragen solle möglichst bald in einer Folgeveranstaltung fortgesetzt werden, versprach Professor Matthias Naumann, der durch die Veranstaltung führte und an der JMU den Lehrstuhl für Humangeographie innehat.
Weiterführende Informationen zu den bisherigen Forschungsergebnissen und laufenden Forschungsvorhaben gibt es auf den Webseiten der Arbeitsgruppen Klimatologie und Wirtschaftsgeographie.
Kontakt
Prof. Dr. Matthias Naumann, Lehrstuhl für Humangeographie, T +49 931 31-83237, matthias.naumann@uni-wuerzburg.de
