Bezahlt für das Stromverbrauchen
12.05.2026Mehrere Haushalte im Landkreis Schweinfurt durften sich freuen: An einigen Tagen im April und Mai 2026 bekamen sie dank negativer Strompreise Geld. Dieses Marktphänomen hat ein Projektteam mit Würzburger Beteiligung beobachtet.
Seit Juni 2025 untersuchen die Stadtwerke Schweinfurt, der Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik und KI im Unternehmen der Universität Würzburg unter Leitung von Professor Gunther Gust und weitere Projektpartner, wie Privathaushalte mit dynamischen Stromtarifen im Alltag umgehen. Rund 65 Personen aus dem Landkreis Schweinfurt nehmen am Feldversuch teil.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht primär die Frage, wie viel Geld sich einsparen lässt, sondern ob sich der Aufwand für die Teilnehmenden lohnt – und wie sich ihr Nutzungsverhalten über die Zeit entwickelt.
An mehreren Tagen haben die Teilnehmenden ein bemerkenswertes Marktphänomen miterlebt: Am letzten April- und ersten Maiwochenende sanken die Strompreise über mehrere Stunden hinweg so stark in den negativen Bereich, dass Haushalte fürs Stromverbrauchen Geld bekamen.
Tiefstwert von rund minus 40 Cent pro Kilowattstunde erreicht
Besonders deutlich zeigte sich der Effekt am 1. Mai: Aufgrund einer hohen Einspeisung aus erneuerbaren Energien bei gleichzeitig niedriger Netzlast notierten die Day-Ahead-Preise an der Strombörse zwischen 10 und 17 Uhr negativ. Zwischen 12 und 16 Uhr fielen die Großhandelspreise so stark, dass selbst nach Aufschlag von Netzentgelten, Steuern und Abgaben auch der Endkundenpreis in den negativen Bereich rutschte – mit einem Tiefstwert von rund minus 40 Cent pro Kilowattstunde, dem niedrigsten Wert in der jüngeren Vergangenheit. Auch am 25. und 26. April sowie dem 2. und 3. Mai waren die Börsenpreise zeitweise negativ und für die Teilnehmenden entsprechend günstig.
„Ein Teilnehmer mit Elektroauto und Wallbox hat am 26. April allein durch gezieltes Laden in den Mittagsstunden eine Gutschrift von rund 5 Euro erzielt", berichtet Justus Ameling, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Professor Gust. „Hinzu kommt ein zweiter Effekt, der den Wert dieser Stunden weiter erhöht: Am Ende des Ladevorgangs steht eine vollgeladene Fahrzeugbatterie zur Verfügung, deren Energieinhalt für einige Fahrten ausreicht."
Wer flexibel verbrauchen kann, profitiert in solchen Stunden also doppelt – durch die unmittelbare Vergütung und durch eine vollgeladene Batterie für die kommenden Tage. Ameling weist allerdings auf eine Einschränkung hin: „Wir sehen auch, dass nicht alle Teilnehmenden die Preise genutzt haben – entweder weil sie die Chance verpasst haben oder schlicht nicht in großer Menge flexible Stromverbraucher besitzen."
Negative Strompreise: Tendenz steigend
Negative Strompreise sind inzwischen kein Einzelfall mehr: 2025 traten sie an den deutschen Strombörsen rund 570 mal auf – mit steigender Tendenz. Auch die mehrfachen Negativpreis- Phasen Ende April und Anfang Mai 2026 fügen sich in dieses Bild ein.
Mit dem zunehmenden Ausbau erneuerbarer Energien dürften solche Stunden in den kommenden Jahren weiter zunehmen. „Genau solche Effekte, das Verhalten der Haushalte und ihre Tarifentscheidungen wollen wir im Feldversuch systematisch untersuchen", erklärt Professor Gunther Gust.
Hintergrund zum Pilotprojekt
Dynamische Stromtarife koppeln den Endkundenpreis stundengenau an die Großhandelspreise der Strombörse. Voraussetzung für die Nutzung ist ein Smart Meter, der die Verbrauchsdaten stundengenau erfasst und übermittelt. Über eine App können Haushalte die aktuellen Preise verfolgen und ihren Verbrauch entsprechend anpassen.
Seit 2025 sind alle Energieanbieter in Deutschland gesetzlich verpflichtet, dynamische Tarife anzubieten. Die wissenschaftliche Begleitung des Schweinfurter Pilotprojekts liefert wertvolle Erkenntnisse darüber, wie sich diese Tarife in der Praxis bewähren und welche Haushalte besonders profitieren. Nach Abschluss des Projekts im Sommer 2026 soll das Tarifangebot verstetigt werden. Interessenten können sich direkt bei den Stadtwerken Schweinfurt informieren.
Kontakt
Prof. Dr. Gunther Gust, Leiter des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik und KI im Unternehmen, gunther.gust@uni-wuerzburg.de
