Intern
Medizinische Fakultät

Selbständig nach einem Studium der Geistes- und Sozialwissenschaften

06.10.2026

Eher freiberuflich statt im Start-up: Eine Studie zeigt, wie selbständige Berufstätigkeiten von Absolventinnen und Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften der JMU aussehen.

Die Studie zeigt: Auch Absolventinnen und Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften sind unternehmerisch aktiv. (Bild: Maren Wiesmann)

Forschende der Arbeitsstelle Kulturvermittlung am Institut für deutsche Philologie der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) haben das unternehmerische Handeln von Absolventinnen und Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften untersucht. Die Ergebnisse sind unter dem Titel „Können Geistes- und Sozialwissenschaften Entrepreneurship? Eine Erhebung zur Selbständigkeit von Absolvent:innen der Universität Würzburg“ veröffentlicht.

Dr. Christine Ott, Susanne Bremer und Rahel Behnisch haben für die Studie 105 ehemalige Studierende der JMU befragt, die selbständig arbeiten oder gearbeitet haben. Besonders oft arbeiten die Befragten freiberuflich, etwa in Bildung, Kultur, Medien oder Beratung.

Gründungsstatistiken bilden Freiberuflichkeit meist nicht ab

Von den 105 Befragten gaben mehr als 85 Prozent an, freiberuflich tätig zu sein. Rund 20 Prozent haben ein eigenes Unternehmen gegründet, drei Prozent übernahmen ein bestehendes Geschäft. Zudem waren rund 14 Prozent sowohl freiberuflich tätig als auch an einer Unternehmensgründung beteiligt.

„Die Ergebnisse widersprechen der verbreiteten Vorstellung, dass Absolventinnen und Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften kaum unternehmerisch aktiv seien“, sagt Christine Ott. Diese Vorstellung komme auchdaher, dass Gründungsstatistiken viele Formen selbständiger Arbeit nur unzureichend sichtbar machen: Oft stünden dort klassische Start-ups im Mittelpunkt, während freiberufliche Tätigkeiten meist unberücksichtigt blieben.

Bildung, Kultur und Beratung als wichtige Arbeitsfelder

38 Prozent der Befragten sind im Bereich Bildung und Training tätig. Sie bieten beispielsweise Sprachkurse, Lernbegleitung oder auch Weiterbildungen für Unternehmen an. Weitere 32 Prozent arbeiten in Kunst und Kultur. Dazu gehören künstlerisch Selbständige, wie Berufsmusikerinnen und Musiker, Autorinnen und Autoren, außerdem Kulturveranstalter oder Betreiber von Medien- und Kreativagenturen. 26 Prozent sind in Coaching und Beratung aktiv.

Mehr als die Hälfte der Befragten arbeitete über 30 Stunden pro Woche selbständig. 82 Prozent bestritten damit ihren Haupterwerb.

Motive für den Schritt in die Selbständigkeit

Der wichtigste Grund für die Selbständigkeit war der Wunsch nach mehr Gestaltungsmöglichkeiten und eigenen Entscheidungen. Fast die Hälfte nannte außerdem flexiblere Arbeitszeiten als Motiv. Viele wollten zudem ihre Leistungen besser vergütet bekommen. Knapp 30 Prozent erkannten eine Marktlücke oder sahen eine steigende Nachfrage nach ihrer Expertise.

56 Prozent der Befragten machten sich erst mehr als drei Jahre nach dem Studium selbständig. Aber etwa jede beziehungsweise jeder Fünfte begann schon im Studium mit einer selbständigen Tätigkeit. „Die Studienzeit scheint eine wichtige Phase für erste unternehmerische Erfahrungen zu sein“, so Christine Ott.

Als besonders hilfreich für ihre Selbständigkeit beschrieben viele Befragte Fähigkeiten, die sie im Studium erworben hatten: selbständiges Arbeiten, kritisches Denken, Recherchekompetenz, Eigeninitiative und die Fähigkeit, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten.

Wünsche an die Universität

An der Universität Würzburg gibt es für die Studierenden mit Blick auf spätere Berufstätigkeiten verschiedene Beratungs- und Unterstützungsangebote. Das Career Centre ist hier ebenso aktiv wie das Alumni-Netzwerk. Auch das Team der universitären Gründungsberatung steht Studierenden mit Rat und Tat zur Seite.

Was hätten sich die in der Studie Befragten im Rückblick von der Universität gewünscht? Sie nannten vor allem leicht zugängliche Informationen zu Themen wie Gewerbeanmeldung, Steuerrecht und Finanzierung. Die Hälfte hätte sich im Studium mehr Informationen über mögliche Berufsbilder gewünscht. Gut bewertet wurden Austauschformate mit erfahrenen Alumni der JMU, die im Berufsleben stehen.

Wissenschaftspolitische Dimension der Studie

Für Christine Ott hat die Studie eine wissenschaftspolitische Dimension: Unternehmertum vor allem an Start-up-Gründungen zu messen, greift zu kurz. Der Europäische Referenzrahmen für unternehmerische Kompetenzen (kurz: EntreComp der EU) versteht Unternehmertum beispielsweise deutlich breiter. An diesem Verständnis sollten sich auch Hochschulen orientieren, wenn sie unternehmerische Aktivitäten ihrer Studierenden, Mitarbeitenden oder Absolventinnen und Absolventen erfassen und fördern. Andernfalls bestünde die Gefahr wissenschaftspolitischer Fehleinschätzungen, die den gesellschaftlichen, kulturellen und ökonomischen Beitrag der Geistes- und Sozialwissenschaften deutlich unterschätzen.

Autorin rät zu angepassten Weiterbildungen

Für die Zukunft empfiehlt Christine Ott, Unterstützungsangebote an Hochschulen noch stärker auf unterschiedliche Formen der Selbständigkeit auszurichten. „Denkbar sind zum Beispiel angepasste Weiterbildungsangebote, etwa für Menschen, die erst Jahre nach dem Studium ihre Selbständigkeit angehen möchten.“

Besonders wichtig erscheint ihr das vor dem Hintergrund der aktuellen Umbrüche durch Künstliche Intelligenz, die einige Berufsfelder in Medien, Kommunikation oder Übersetzung bereits spürbar verändert haben. Welche geistes- und sozialwissenschaftlichen Geschäftsmodelle unter diesen Bedingungen langfristig erfolgreich sind, müssten weitere Forschungsarbeiten zeigen.

Erhebung als Baustein für transferorientierte Hochschulforschung

Die Online-Befragung der 105 Absolventinnen und Absolventen der JMU fand zwischen dem 20. Januar und dem 20. Februar 2026 statt. Da ausschließlich Personen teilnahmen, die bereits selbständig waren oder sind, lassen sich daraus keine Aussagen über die Selbständigkeitsquote unter den Absolventinnen und Absolventen ableiten.

Die Autorin weist zudem darauf hin, dass die Erhebung wegen der begrenzten Zahl von Teilnehmenden nicht repräsentativ ist. Die Erhebung versteht sich vielmehr als Baustein für weitere transferorientierte Hochschulforschung an der JMU.

Publikation

Dr. Christine Ott: Können Geistes- und Sozialwissenschaften Entrepreneurship? Eine Erhebung zur Selbständigkeit von Absolvent:innen der Universität Würzburg. Working Paper, Universität Würzburg, August 2026. Link zur Studienveröffentlichung auf OPUS: https://doi.org/10.25972/OPUS-45857

Kontakt

Dr. Christine Ott, Arbeitsstelle Kulturvermittlung, Institut für deutsche Philologie, Universität Würzburg, christine.ott@uni-wuerzburg.de

Weitere Bilder

Von Robert Emmerich

Zurück