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Medizinische Fakultät

„Das Forschungsprofil weiter schärfen“

19.04.2022

Die Würzburger Universitätsmedizin hat eine neue strategische Ausrichtung. Dabei wurden gleich drei neue Profilbereiche der Fakultät etabliert. Über das neue Forschungsprofil spricht Professor Matthias Frosch im Interview.

Matthias Frosch ist Dekan der Medizinischen Fakultät in Würzburg.
Matthias Frosch ist Dekan der Medizinischen Fakultät in Würzburg. (Bild: Daniel Peter/UKW)

Im kommenden Jahr startet die nächste Runde der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder. Dabei wird auch das neue Forschungsprofil der medizinischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg eine wichtige Rolle spielen. Den Prozess hinter den neuen Profilbereichen erklärt Dekan Professor Matthias Frosch im Interview.

Frage: Herr Professor Frosch, seit Anfang 2021 sind Sie der erste hauptamtliche Dekan der Medizinischen Fakultät. Seit 2006 haben Sie das Amt nebenamtlich ausgeübt. Was hat sich für Sie geändert?

Matthias Frosch: Der Schwerpunkt meiner Tätigkeit lag auch vor 2021 schon überwiegend im Medizinischen Dekanat, jetzt kann ich mich im Hauptamt noch intensiver meinen Aufgaben für die Fakultät widmen. In der hauptamtlichen Funktion ist auch die Unabhängigkeit größer, das tut dem Amt sicher gut. Meine Aufgaben sehe ich darin, die besten Köpfe für die Würzburger Universitätsmedizin zu gewinnen, Impulse zu geben für die strukturelle und die strategische Ausrichtung unserer Fakultät. Es geht auch darum, Netzwerke zu bilden und sich thematisch klug, mit zukunftsgerichteten Fragestellungen und Technologien aufzustellen. Und die Förderung unseres wissenschaftlichen Nachwuchses in der Medizin ist mir ein ganz besonderes Anliegen. Hier haben wir in den letzten Jahren sehr viel erreicht.

Die aktuelle und künftige strategische Ausrichtung zeigt sich auch in den neuen Profilbereichen der Fakultät. Wie kam es zu dieser neuen Schwerpunktsetzung?

Der fakultätsinterne Strategieprozess startete 2019 und wurde sehr breit von der Professorenschaft unserer Fakultät getragen. Das empfand ich als außergewöhnlich. Zwar wurde der Prozess extern begleitet, aber das große Engagement vieler Kolleginnen und Kollegen und auch die Offenheit in dem Prozess, neu und über die eigenen wissenschaftlichen Themen und Schwerpunkte hinaus zu denken, sind für mich die entscheidenden Erfolgsfaktoren. Zudem war der Handlungsdruck deutlich spürbar: zum Beispiel haben wir unser großes Potenzial bei der Einwerbung von Sonderforschungsbereichen nicht voll ausgeschöpft. Bei aller individuellen fachlichen Exzellenz fehlte uns als Fakultät im nationalen Vergleich ein erkennbares Alleinstellungsmerkmal. Deswegen war der Prozess zur Entwicklung einer neuen Forschungsstrategie so wichtig.

Die neue Forschungsstrategie ist nun ein völlig neuer Ansatz anstelle der früheren Schwerpunkte, die sehr fachspezifisch orientiert waren…

Genau. Mit den neuen Profilbereichen können wir klassische fachspezifische Abgrenzungen überwinden und Interdisziplinarität fördern. Mit unseren drei neuen Profilbereichen „Zelluläre Heterogenität“, „Komplexität im Gewebe und System-/Netzwerkerkrankungen“ schaffen wir einerseits einen fachübergreifenden Rahmen, gleichzeitig bleibt aber der Freiraum für exzellente fachspezifische Forschung erhalten. Wir haben die drei Profilbereiche im Wirkungsfeld von den molekularen Mechanismen bis zur Translation graphisch als „Forschungs-Diamanten“ dargestellt. Dieses Prinzip der neuen Profilbereiche prägt schon jetzt den jüngsten SFB „Cardio-Immune Interfaces“ unter der Leitung von Professor Stefan Frantz oder das vom BMBF geförderte Advanced Clinician Scientist Programm „Interfaces in Translational Research (INTERACT)“. Diese Förderungen sind eine schöne Bestätigung für diesen Ansatz und machen Mut.

Die neuen Profilbereiche werden auch in der kommenden Runde der Exzellenzstrategie eine große Rolle spielen?

Davon gehe ich aus, aber natürlich geht es hier auch um unsere langfristige Strategie und Standortentwicklung. Für die Exzellenzstrategie müssen im kommenden Jahr Anträge fertig gestellt sein. Daran wird mit großer Intensität gearbeitet. Und fest steht schon jetzt: Die medizinische Fakultät Würzburg wird sich hier mit mehr als einem Antrag einbringen.

Sie sind seit fast drei Jahren auch Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT). Ein sehr arbeitsintensives Thema war und ist die neue Approbationsordnung. Wie ist hier der Stand?

Die neue Approbationsordnung wird kommen. Die alte Bundesregierung hatte es nicht mehr geschafft, die Ordnung auf den Weg zu bringen, vor allem deswegen, weil die Finanzierung der Umsetzung nicht mehr mit den Bundesländern geklärt werden konnte. Nun ist die neue Bundesregierung gefordert. Denn die Umsetzung wird sehr teuer, weil das Medizinstudium fundamental verändert wird. Mit dem sogenannten Z-Curriculum werden die Grenzen von Vorklinik und Klinik komplett aufgebrochen, die Lehrinhalte werden neue Themenfelder umfassen, wie digitale Kompetenzen, Wissenschaftskompetenz, ambulante Medizin, Interprofessionalität. Wir werden als Fakultät aber auch erstmals die Möglichkeit haben, eigene Schwerpunkte zu setzen und unser wissenschaftliches und klinisches Profil auch in der Medizinischen Lehre abzubilden. Wie die Entwicklung der neuen Forschungsstrategie wird die Umsetzung der neuen Approbationsordnung zur Fakultätsentwicklung beitragen.

Ein anderer Schwerpunkt unserer Arbeit im MFT in den vergangenen beiden Jahren war die Corona-Pandemie: die Fakultäten haben alles daran gesetzt, die Ausbildung trotz aller Einschränkungen und Kontaktbeschränkungen zu gewährleisten und dafür Sorge zu tragen, dass alle Studierenden ohne Zeitverluste studieren, beziehungsweise das Studium beenden konnten. Dank des großartigen Einsatzes aller Dozierenden – auch hier in Würzburg und hier auch Dank des riesigen Engagements unserer Studiendekanin Professorin Sarah König – ist uns dies auch hervorragend gelungen. Der MFT war intensiv mit den Ministerien, insbesondere mit dem Bundesgesundheitsministerium im Austausch. Denn die Approbationsordnung musste auch aufgrund der Pandemie angepasst und Abweichungen in der Ausbildung zugelassen werden. 

Blicken wir nochmal nach Würzburg. Welche Themen müssten aus Ihrer Sicht noch stärker angegangenen werden?

Wir müssen die digitale Infrastruktur weiter ausbauen, damit wir die Forschungsdaten sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die klinische Forschung noch besser für den medizinischen Fortschritt nutzbar machen können. Das geht leider nicht auf Knopfdruck und es kostet Geld. Gleichzeitig haben wir schon jetzt Strukturen, die für viele Forschungsinitiativen essentiell sind, wie etwa die Biobank, die finanziell abgesichert werden müssen. In Anbetracht der stagnierenden Mittelzuweisungen des Freistaats und der faktisch aufgrund von Inflation und Tarifsteigerungen jährlichen Haushaltskürzungen im Bereich Forschung und Lehre ist es eine riesige Herausforderung diese für die medizinische Forschung wichtige Infrastruktur zu betreiben, zugleich die Nachwuchsförderung zu finanzieren und exzellente Forschung zu unterstützen. Für eine angemessene finanzielle Ausstattung der Fakultät zu kämpfen, ist leider auch Teil meines Tagesgeschäfts. Aber es gibt auch positive Entwicklungen: aktuell laufen die Vorbereitungen für den Umbau der alten Medizinischen Klinik im Gebäude D20, in das nach einer mehrjährigen Grundsanierung das Institut für Anatomie und Zellbiologie ziehen wird. Wir sind damit auf einem guten Weg, unser Campus-Konzept umzusetzen und z.B. auch mit dem Neubau für das Helmholtz-Institut für RNA-basierte Infektionsforschung auf dem ehemaligen Lukra-Gelände einen medizinischen Forschungs- und Lehrcampus, entstehen zu lassen, der sich sehen lassen kann!

Drei neue Profilbereiche der Würzburger Universitätsmedizin

Zelluläre Heterogenität: Die Gewebe und Organe des menschlichen Körpers sind aus einer Vielzahl unterschiedlicher Zellen aufgebaut. Modernste technische Entwicklungen im Bereich der Einzelzellanalyse haben in den letzten Jahren gezeigt, dass scheinbar „identische“ Zellen aus einem Spektrum heterogener Subtypen bestehen, welche eine große Bandbreite an unterschiedlichen Funktionen aufweisen: Jüngste Forschungsergebnisse zum Beispiel aus dem Bereich der Immuntherapie und Geweberegeneration legen nahe, dass es oft nur wenige, spezialisierte Zellen sind, welche Krankheitsprozesse steuern können und dadurch im Fokus von Therapieansätzen stehen.

Komplexität im Gewebe: Gewebe sind Ansammlungen differenzierter Zellen, die eine gemeinsame Funktion erfüllen. Das komplexe Zusammenspiel unterschiedlicher Zelltypen, extrazellulärer Matrixkomponenten und die Interaktion mit Umweltfaktoren und Mikroorganismen auf der Grundlage molekularer Veränderungen ist essenziell für Funktionen des menschlichen Körpers. Durch Störungen der Interaktion und Kommunikation im komplexen Gewebeverband, z.B. durch Tumorzellen entstehen Krankheiten.

System-/Netzwerkerkrankungen: In höher entwickelten Organismen regulieren miteinander vernetzte Systemfunktionen interne Prozesse und die Reaktion auf externe Einflüsse. Dysregulation innerhalb dieser Netzwerke kann zu komplexen Erkrankungen führen, deren erfolgreiche Therapie von dem Verständnis der zugrundeliegenden, systemischen Mechanismen und Interaktionen abhängt. Ein detailliertes Verständnis der Kommunikationsprozesse zwischen Organsystemen und zwischen Umwelt und Organismus ermöglicht die Identifizierung von Kausalzusammenhängen biologischer Prozesse und somit ein mechanistisches Verständnis komplexer Pathophysiologie

Von Pressestelle UKW

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