War Paulus römischer Bürger? Barbara Bargel erhält Armin-Schmitt-Preis
27.10.2026Wie historisch zuverlässig ist das Bild des Apostels Paulus in der Bibel? Mit dieser Frage hat sich Dr. Barbara Bargel in ihrer Dissertation beschäftigt. Dafür wurde sie nun mit dem Armin-Schmitt-Preis ausgezeichnet.
War der Apostel Paulus römischer Bürger? Auf den ersten Blick scheint das eine überschaubare historische Frage zu sein. In der Apostelgeschichte, die im Neuen Testament über das Leben und Wirken des Paulus berichtet, beruft sich der Apostel mehrfach auf das römische Bürgerrecht – etwa, um sich vor einer Auspeitschung zu schützen. Doch lässt sich diesen Schilderungen tatsächlich entnehmen, dass Paulus dieses Recht besaß? Oder wurde es ihm erst nachträglich in der biblischen Erzählung zugeschrieben?
Diesen Fragen ist Dr. Barbara Bargel in ihrer Dissertation „Paulus als römischer Bürger? Eine sozial- und rechtsgeschichtliche Untersuchung der Apostelgeschichte“ nachgegangen. Für ihre Arbeit erhält sie nun den Armin-Schmitt-Preis.
Barbara Bargel hat in Eichstätt Gymnasiallehramt mit den Fächern Englisch und Katholische Religionslehre studiert und mit dem ersten Staatsexamen abgeschlossen. Im Anschluss daran hat sie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg noch den Magister Theologiae ergänzt. Seitdem lehrt und forscht sie in Würzburg und ist jetzt als akademische Rätin auf Zeit am Lehrstuhl für Neutestamentliche Exegese beschäftigt.
Ein Bibeltext im historischen Kontext
Um die Bürgerrechtsfrage zu untersuchen, hat Bargel zunächst rekonstruiert, welche Bedeutung das römische Bürgerrecht zur Zeit des Paulus hatte. Wie konnte man es erwerben? Welche Rechte und Pflichten waren damit verbunden? Und welche Vorteile brachte es im Alltag oder vor Gericht?
Dafür hat sie unterschiedliche historische Quellen herangezogen, darunter Inschriften und rechtshistorische Dokumente aus der römischen Antike. Anschließend untersuchte sie die Passagen der Apostelgeschichte, in denen das Bürgerrecht des Paulus eine Rolle spielt. Dabei ging es sowohl um die Frage, welche historischen Informationen sich aus den Texten gewinnen lassen, als auch darum, wie die Erzählungen entstanden sein könnten.
„Am Anfang hat mich vor allem die Klarheit und scheinbare Einfachheit der Fragestellung fasziniert: War Paulus römischer Bürger oder nicht“, erzählt Bargel. Die Hoffnung, diese Frage womöglich abschließend beantworten zu können, erwies sich im Lauf der Arbeit allerdings als zu optimistisch, denn wie bei vielen historischen Untersuchungen zur Antike lassen die verfügbaren Quellen keine zweifelsfreie Antwort zu.
Gerade darin liegt jedoch eine besondere Stärke der Arbeit: Bargel beschränkt sich nicht darauf, die historische Glaubwürdigkeit einzelner Aussagen zu prüfen. Sie fragt auch, warum die Apostelgeschichte Paulus überhaupt als einen römischen Bürger erzählt und welche Funktion diese Zuschreibung innerhalb der gesamten Erzählung erfüllt.
Zwischen Geschichte und Erzählkunst
Dazu verbindet die Theologin sozial- und rechtsgeschichtliche Untersuchungen mit Methoden der historisch-kritischen und narratologischen Exegese. Letztere richtet den Blick darauf, wie und mit welchen Mittel Geschichten gestaltet sind: Welche Figuren stehen im Mittelpunkt? Wie werden Ereignisse miteinander verknüpft? Und wie beeinflussen Erzählperspektive und Darstellung die Botschaft eines Textes? Im Fall von Paulus geht es damit nicht nur um die Frage, was historisch geschehen sein könnte. Ebenso wichtig ist, wie die Apostelgeschichte aus den ihr vorliegenden Überlieferungen ein bestimmtes Bild des Apostels entwirft. Bargel interessiert dabei besonders, wie der Verfasser Informationen auswählt, gestaltet und miteinander verbindet. „Diese erzählerische Gestaltung und die Frage, was sie über die Absichten des Verfassers verrät, sind für mich letztlich mindestens ebenso interessant geworden wie die ursprüngliche historische Frage“, sagt sie.
Die Dissertation schlägt eine Brücke zwischen der neutestamentlichen Bibelwissenschaft und der Alten Geschichte, insbesondere der römischen Rechts- und Sozialgeschichte. Wer verstehen möchte, welche Rolle das Bürgerrecht in den Erzählungen über Paulus spielt, muss auch wissen, welche gesellschaftliche Stellung römische Bürgerinnen und Bürger hatten, welche Rechte ihnen zustanden und wie diese im Alltag zur Geltung kamen. Historische Dokumente und Inschriften eröffnen den Blick auf die Lebensbedingungen der Antike, während die exegetische Analyse mit literaturwissenschaftlichen Methoden untersucht, wie solche Bedingungen in einem biblischen Text aufgegriffen und erzählerisch verarbeitet werden.
Für Bargel ist dieser interdisziplinäre Ansatz grundlegend. Ihr Anliegen ist es, biblische Texte nicht isoliert, sondern in ihrem jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Entstehungskontext zu verstehen. Dafür brauche es das Zeugnis unterschiedlicher Quellen und Perspektiven. Gerade an der Schnittstelle zwischen Bibelwissenschaft und Alter Geschichte sieht sie deshalb Möglichkeiten für einen fruchtbaren interdisziplinären Austausch.
Neue Fragen, neue Theorien
Dass die Forschung am Neuen Testament auch künftig ein Schwerpunkt ihrer Arbeit bleibt, zeigt Bargels nächstes Projekt, das nun aber neue Perspektiven einnehmen möchte. In ihrer Habilitation beschäftigt sie sich mit den Wundern, die im Markusevangelium erzählt werden, und fragt, welche Rolle etwa das Geschlecht der an einem Wunder beteiligten Figuren für den Verlauf und den Ausgang der Erzählung spielt: Wird beispielsweise unterschiedlich erzählt, wenn Jesus einem hilfsbedürftigen Mann oder einer kranken Frau begegnet? Verhält sich Jesus gegenüber Männern und Frauen auf unterschiedliche Weise? Und lassen sich Erzählmuster erkennen, die auf geschlechtsspezifische Zuschreibungen oder Verzerrungen hinweisen?
Bargel möchte die Wundererzählungen systematisch untersuchen und dabei Ansätze der Gender Studies, möglicherweise auch der Disability Studies, einbeziehen. Besonders interessiert sie, ob sich übergreifende Muster erkennen lassen, die bei der Betrachtung einzelner Erzählungen leicht übersehen werden.
Der Armin-Schmitt-Preis
Der Armin-Schmitt-Preis geht zurück auf eine Stiftung des 2006 verstorbenen Würzburger Priesters und Alttestamentlers Professor Armin Schmitt. Die Auszeichnung führt sein Anliegen fort, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Bibel zu fördern. Schmitt stammte aus Eußenheim und empfing 1960 in Würzburg die Priesterweihe. Nach seiner Promotion und Habilitation an der Universität Würzburg lehrte er zunächst dort, von 1980 bis 1984 an der Universität Osnabrück und von 1984 bis zu seiner Emeritierung 1999 an der Universität Regensburg.
Kontakt
Dr. Barbara Bargel, Lehrstuhl für Neutestamentliche Exegese, T +49 931 31-86135, barbara.bargel@uni-wuerzburg.de
