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Medizinische Fakultät

Atmosphären gemeinsam erforschen

27.10.2026

Wie wirkt die Stimmung eines Raumes auf uns? Das Human Dynamics Centre (HDC) der Universität Würzburg und das Kobe Institute for Atmospheric Studies (KOIAS) wollen solche Fragen künftig gemeinsam erforschen.

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Yuho Hisayama Andreas Rauh bei der Vertragsunterzeichnung in Kobe. (Bild: Lukas Trabert)

Was prägt die Stimmung in einem Raum? Warum kann eine Lernumgebung anregend, ein Stadtplatz bedrückend oder eine Begegnung unmittelbar vertraut wirken? Solchen Fragen widmet sich die Atmosphärenforschung – kein Teilgebiet der Meteorologie, sondern ein Feld an der Schnittstelle von Philosophie, Kunst, Architektur, Sozial- und Naturwissenschaften. Vom 23. bis 26. September 2026 kamen an der Kobe University Forschende, Künstlerinnen und Künstler sowie Praktikerinnen und Praktiker aus zahlreichen Ländern zusammen, um die Society for Atmospheric Studies (SOFAS) zu gründen.

Welche Lücke das neue Forum schließt, schilderte KOIAS-Direktor Yuho Hisayama in seiner Eröffnungsrede. Als er in Deutschland zur kulturübergreifenden Phänomenologie der Atmosphäre arbeitete, gab es dafür keine gemeinsame Plattform: „Über Atmosphäre zu arbeiten, hieß damals in gewisser Weise, allein zu arbeiten.“ Heute sei das anders – und dringlicher: Künstliche Intelligenz macht immersive Umgebungen gezielt gestaltbar, internationale Zusammenarbeit wird brüchig, und die Atmosphäre des Planeten verändert sich. Atmosphärenforschung sei deshalb „kein Luxus“, sondern eine Weise zu fragen, wie wir eine gemeinsame Welt bewohnen.

Mit dabei war Dr. Andreas Rauh, Geschäftsführer des Human Dynamics Centre (HDC) der Fakultät für Humanwissenschaften der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Er stellte das HDC in einem Grußwort vor und präsentierte seine aktuelle Forschung. Zugleich erhielt die bestehende Verbindung zwischen Würzburg und Kobe eine neue institutionelle Grundlage.

Zwei Zentren, die zusammenpassen

Das 2014 gegründete HDC ist ein interdisziplinärer Thinktank, der die Forschungstraditionen aller acht Institute der Fakultät verbindet: von Philosophie, Psychologie und Pädagogik über Sonderpädagogik, Politik- und Sozialwissenschaft, Evangelische Theologie und Religionspädagogik bis zu Sportwissenschaft und Mensch-Computer-Medien. In seinem ersten Jahrzehnt förderte das Zentrum mehr als sechzig interdisziplinäre Tagungen, Workshops und Kolloquien. Daraus gingen Netzwerke, Publikationen, internationale Seasonal Schools und Chancen für Nachwuchsforschende hervor. Wissenstransfer versteht das HDC als eigene Aufgabe neben Forschung und Lehre.

KOIAS wurde 2022 an der Kobe University gegründet und bringt seither Forschende verschiedener Disziplinen und Kulturen zusammen, um die Atmospheric Studies als international ausgerichtetes Feld zu etablieren. Eine Besonderheit ist der Blick auf die Sprache: Begriffe wie „Atmosphäre“, „Stimmung“, „ambiance“, „mood“, das chinesische „qìfēn“ oder das japanische „fun’iki“ überschneiden sich, meinen aber nicht dasselbe. Gerade diese Unterschiede und die teilweise Unübersetzbarkeit seien „Ressourcen für das Denken“, so Hisayama.

Das HDC will, so Rauh in Kobe, eine „Bedingung der Möglichkeit“ für gute gemeinsame Forschung schaffen. „Echte Zusammenarbeit braucht auch geistige Verwandtschaft, Neugier und Vertrauen“, sagt Rauh. „Alle drei haben wir im Kobe Institute for Atmospheric Studies gefunden.“

Ein Abkommen für gemeinsame Forschung

Das „Agreement of Friendship and Cooperation“ verbindet das HDC mit KOIAS; für die Universität Würzburg ist es von Doris Fischer, Vizepräsidentin für Internationalisierung und Alumni, mitgetragen. Die Partner wollen Möglichkeiten der Zusammenarbeit ausloten, etwa durch das „sharing of academic materials“ und die „development of further research network on Human Dynamics and Atmospheric Studies“. Die Vereinbarung gilt zunächst für ein Jahr und verlängert sich jährlich automatisch; konkrete Projekte stimmen beide Seiten jeweils gemeinsam ab.

Für Rauh ist das Abkommen „nicht bloß zeremoniell“. Bereits jetzt sollen daraus neue wissenschaftliche Kontakte und gemeinsame Formate entstehen. Ein internationales Tagunsformat wird zweijährig an wechselnden Standorten ausgerichtet. Die Forschungsergebnisse des SOFAS Netzwerkes werden in einer eigenen Buchreihe veröffentlicht.

„Die Vereinbarung ist eine Einladung und ein Versprechen“, so Rauh in Kobe: „eine Einladung, gemeinsame Workshops, Publikationen, Forschungsaufenthalte und Möglichkeiten für Nachwuchsforschende zu entwickeln, und ein Versprechen, offen zu bleiben für Fragen, die keine Disziplin, keine Institution und keine nationale Tradition allein beantworten kann.“

Würzburger Expertise zu Atmosphären

Andreas Rauh forscht und lehrt seit langem zu Atmosphären. Der Philosoph, Pädagoge und Kunstpädagoge untersucht das Phänomen aus ästhetischer, phänomenologischer und bildungswissenschaftlicher Perspektive – etwa mit der Frage, welche materiellen Bedingungen besondere Atmosphären erzeugen oder wie die Atmosphäre eines Klassenzimmers das Lernen prägt. Neben der Entwicklung eines qualitativ-empirischen Zugangs zur Erforschung atmosphärischer Wahrnehmungen beschäftigt er sich unter anderem mit Lernatmosphären, urbanen Erfahrungen, Materialität und der Wirkmacht von Dingen.

In Kobe sprach Rauh über „Co-presence and actuality“: Wie lassen sich Atmosphärentheorie und Neuer Materialismus – eine Denkrichtung, die Dingen und Materie eigene Wirkkraft zuschreibt – miteinander ins Gespräch bringen, und inwiefern sind Atmosphären eigenständige, wirksame Phänomene? Das Thema zeigt exemplarisch, was die Kooperation leisten soll: verschiedene theoretische Traditionen, Sprachen und kulturelle Erfahrungen produktiv zu verbinden.

„Atmosphäre ist kein bloßer Hintergrund“, sagt Rauh. „Sie ist Teil dessen, wie menschliche Situationen Bedeutung gewinnen.“ Für die Zusammenarbeit wünscht sich Rauh „nicht nur einen Austausch von Materialien, sondern einen Austausch von Perspektiven; nicht nur ein Netzwerk von Namen, sondern ein Netzwerk gemeinsamer Fragen; und nicht nur erfolgreiche Veranstaltungen, sondern dauerhafte akademische Freundschaften“.

Forschende der Fakultät, die sich an der Zusammenarbeit beteiligen möchten, können sich an das HDC wenden.

Kontakt

Dr. Andreas Rauh, Human Dynamics Centre, T +49 931 31-86560, andreas.rauh@uni-wuerzburg.de

Weiterführende Links

SOFAS-Gründungstagung in Kobe 

Tagungsprogramm 

Society for Atmospheric Studies (SOFAS) 

 

Von HDC

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