Intern
Medizinische Fakultät

Forschungsprojekt aus der Rechtsgeschichte bewilligt

03.11.2026

Wie funktionierten die obersten Gerichte im Alten Reich? Das erforscht ein neues KI-Projekt unter Beteiligung der Würzburger Juristin Anja Amend-Traut. Die DFG fördert das Vorhaben mit 1,3 Millionen Euro.

none
Protokollbücher sind in der Regel leder- oder pergamentgebundene Kanzleibände, eng beschrieben in frühneuzeitlicher Handschrift. Ihre Digitalisierung eröffnet eine vertiefte Erschließung. (Bild: Tobias Schenk)

Wenn im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zwei Reichsfürsten um Grenzen stritten, ein Klostervorsteher um seine Privilegien bangte oder ein Erfinder ein kaiserliches Patent beantragte, wurden deren Gesuche in der Regel an den Reichshofrat adressiert bzw. ein Streit vor diesem ausgetragen.

Der Reichshofrat mit Sitz in Wien (beziehungsweise zeitweise Prag) war neben dem Reichskammergericht eines der zwei höchsten Gerichte im Reich und obendrein noch Kaiserliche Verwaltungsbehörde zur damaligen Zeit. Er unterstand direkt dem Kaiser und war nicht nur für Rechtsstreitigkeiten zuständig, sondern auch für Lehnsangelegenheiten, Standeserhöhungen, wie beispielsweise Ernennungen in den Grafen- oder Fürstenstand, die Erteilung kaiserlicher Privilegien und politische Beratung.

In sogenannten Protokollbüchern wurde genauestens dokumentiert, was mit dem Gesuch passierte, also etwa wann das Thema verhandelt wurde, wer als Berichterstatter auftrat, welche Argumente vorgebracht wurden, und ob und welcher Beschluss erging.

Beteiligte aus Würzburg, Münster und Eichstätt

Solche Protokollbücher stehen im Mittelpunkt eines neuen Forschungsprojekts an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU). Mitverantwortlich dafür ist Professorin Anja Amend-Traut, Inhaberin des Lehrstuhls für Deutsche und Europäische Rechtsgeschichte, Kirchenrecht und Bürgerliches Recht.

Insgesamt 1,3 Millionen Euro stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für das Projekt „KI-gestützte Digitalisierung reichshofrätlicher Protokollbücher (1700–1805). Ein Schlüssel zur (Rechts-)Geschichte der Frühen Neuzeit“ zur Verfügung. Den Antrag hat Anja Amend-Traut gemeinsam mit Professor Peter Oestmann (Universität Münster) und Professorin Sabine Ullmann (Universität Eichstätt-Ingolstadt) gestellt.

„Mit dem Projekt werden Protokollbücher des Reichshofrats nach ihrer Digitalisierung und Texterkennung strukturell erschlossen“, erklärt Amend-Traut das Ziel des Projekts. Mit diesem methodischen, KI-gestützten Ansatz werde die klassische Akteninventarisierung abgelöst.

Die Protokollbücher geben unter anderem Auskunft über Stand, Geschlecht, Konfession und Herkunft der Antragsteller bzw. Parteien und über andere Verfahrensbeteiligte sowie Sachverhaltsinhalte und eröffnen über ihre Hinweise auf vorhandene Sitzungsprotokolle den Zugang zu den betreffenden Verfahrensakten.

Vertiefte wissenschaftliche Erkenntnisse dank KI

Die so gewonnenen Daten lassen damit eine vertiefte Erschließung zu und ermöglichen es der frühneuzeitlichen Justizforschung, bislang unbeantworteten Fragen der Geschichts- und Rechtsgeschichte zur Arbeit und Funktionsweise der Höchsten Gerichtsbarkeit im Alten Reich nachzugehen.

Das Projekt kann inhaltlich wie auch organisatorisch als europäisches Unternehmen bezeichnet werden: Die aus den Protokollbüchern stammenden Informationen erstrecken sich auf etwa 20 heutige europäische Staaten mit einem Schwerpunkt auf Deutschland.

Als Kooperationspartner des Projekts fungieren das Österreichische Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien, wo die Akten aufbewahrt sind. Die technische Umsetzung wird von Professor Georg Vogeler, Institut für Digitale Geisteswissenschaften, Universität Graz, begleitet.

Anja Amend-Traut und ihre Mit-Antragsteller sind sich sicher: „Diese Förderung stellt ein wichtiges Signal für die geisteswissenschaftliche Forschung, insbesondere für die Justizforschung im Allgemeinen und die Forschung zur Höchsten Gerichtsbarkeit im Besonderen, dar.“

Kontakt

Prof. Dr. Anja Amend-Traut, Lehrstuhl für Deutsche und Europäische Rechtsgeschichte, Kirchenrecht und Bürgerliches Recht, Universität Würzburg, T +49 931 31-88689, anja.amend-traut@uni-wuerzburg.de

Prof. Dr. Peter Oestmann, Lehrstuhl für Bürgerliches Recht und Deutsche Rechtsgeschichte, Universität Münster, T: +49 251 83-28641, LS.oestmann@uni-muenster.de

Prof. Dr. Sabine Ullmann, Professur für Frühe Neuzeit und Vergleichende Landesgeschichte, Katholische Universität Eichstätt, +49 8421 93-21666, sabine.ullmann@ku.de

Von Pressestelle JMU

Zurück