Das Geheimnis der gebähten Weckschnitten
09/15/2026Im Kurs „Erlesenes Franken“ lernen Bürgerinnen und Bürger gemeinsam mit Studierenden, altdeutsche Handschriften zu entziffern. Uni-externe Interessierte können sich bis 1. Oktober anmelden.
Für das Wochenende hat Familie Schmidt einen Plan: Am Samstag will sie endlich damit anfangen, den Dachboden aufzuräumen. Los geht’s mit den Kartons, in denen noch Sachen der Großeltern liegen. Darunter sind alte Briefe, vergilbte Schulhefte und Omas handgeschriebenes Rezeptbuch. Doch das zu entziffern, ist mühselig bis unmöglich. Es ist in einer Schrift geschrieben, die heute kaum noch jemand kennt.
Kurrent und Sütterlin: Das waren die Schreibschriften, die den Kindern im 19. und im frühen 20. Jahrhundert beigebracht wurden. Wer lernen möchte, sie zu lesen, kann an der Universität Würzburg den Kurs „Erlesenes Franken“ besuchen: Professorin Michaela Fenske und ihr Team vom Lehrstuhl für Europäische Ethnologie bieten ihn seit 2020 an; er ist offen für alle Bürgerinnen und Bürger. Im Mittelpunkt stehen Kochbücher, Briefe und andere historische Alltagsdokumente aus Franken.
Der Kurs zeichnet sich durch eine Besonderheit aus. Die Bürgerinnen und Bürger lernen gemeinsam mit Studierenden, die alten Texte zu entziffern. Für die jungen Leute ist der Kurs Teil ihrer Ausbildung. Er bereitet sie auf die Arbeit in Museen und Archiven oder auf andere Berufsfelder vor.
Damit die Kursteilnehmenden von außerhalb nicht extra nach Würzburg fahren müssen, findet der Kurs online auf der Videoplattform Zoom statt. Zuerst gibt die Professorin eine Einführung für alle, dann geht es in Kleingruppen von drei bis fünf Personen an die Arbeit. Unter Anleitung der Dozentin werden zuerst einfachere Texte aus Poesiealben, Kochbüchern und Schulheften gelesen, dann kommen schwierigere wie Briefe und Tagebücher dazu.
Termin und Anmeldung
Die Teilnahme am Kurs „Erlesenes Franken“ ist kostenlos möglich. Er startet am 20. Oktober 2026 und findet dann alle zwei Wochen immer dienstags von 18:15 bis 19:45 Uhr statt. Kursende ist am 26. Januar 2027. Uni-externe Interessierte können sich bis 1. Oktober 2026 per E-Mail bei Michaela Fenske anmelden, michaela.fenske@uni-wuerzburg.de. Den Zoom-Einwahllink erhalten sie nach der Anmeldung. Die Zahl der Teilnehmenden ist nicht begrenzt. Wer möchte, erhält nach erfolgreichem Kursbesuch eine Bescheinigung.
Erfahrungen einer externen Teilnehmerin
Ulrike Täuber aus Würzburg ist eine externe Teilnehmerin. Sie war nach dem ersten Kurs so angetan, dass sie inzwischen schon mehrere Folgekurse besucht hat. Die pensionierte Mathematikerin empfindet das gemeinsame Lernen mit Studierenden als sehr positiv. Und sie schätzt die Einblicke in den Alltag vergangener Zeiten, die sich durch das Lesen der alten Dokumente eröffnen.
Die altdeutsche Schrift war Ulrike Täuber nicht ganz fremd: „Meine Großmutter und meine Tante haben so geschrieben, und in meiner Schulzeit wurden die alten Schriften im Zeichenunterricht behandelt“, erzählt sie. Das hatte Folgen: Wann immer sie in ihrem Leben Kurrent oder Sütterlin sah, probierte sie, die Texte zu lesen – was immer halbwegs gut klappte.
Im Lesekurs kam sie darum gut zurecht. „Vorkenntnisse sind aber keine Voraussetzung für die Teilnahme“, sagt Michaela Fenske. Auch die Studierenden stehen zuerst „blank“ da, und mit Unterstützung der Dozentinnen gelingt allen der Einstieg.
Rätselhaft: die Weinsuppe mit gebähten Weckschnitten
Studentin Hannah Funke hat den Kurs ebenfalls besucht. Die Zusammenarbeit mit den älteren Teilnehmenden gefiel ihr sehr gut – zum Beispiel dann, „wenn wir gemeinsam über die Bedeutung einzelner Wörter gerätselt haben“. Etwa über die gebähten Weckschnitten, von denen in einem Kochrezept für eine Weinsuppe die Rede war. Die Lösung: Damit sind angeröstete Stücke eines Brötchens gemeint.
Ein weiterer Pluspunkt: Hannah Funke hat durch den Kurs neue Perspektiven auf ihre Heimat gewonnen. Die Studentin stammt aus einem Dorf bei Hassfurt und es gefiel ihr, etwas über das frühere Alltagsleben in Franken und Würzburg zu erfahren. Jenseits der Textarbeit empfand sie es als bereichernd, von den Bürgerinnen und Bürgern zu hören, was sie zur Teilnahme am Kurs motiviert hat, welche Berufe sie ausüben, wie ihr Leben verlief.
Was die Wissenschaft aus Kochbüchern lesen kann
Das professionelle Kochen war lange Zeit die Domäne von Männern. Darum stammen viele gedruckte historische Kochbücher von Männern. Im privaten Bereich dagegen hatten in der Küche vor allem die Frauen das Sagen. Von ihnen sind aus dem 19. und 20. Jahrhundert zahlreiche handgeschriebene Kochbücher überliefert. Die Bücher sind heute eine zentrale Quelle, um Ernährungsgewohnheiten, verwendete Lebensmittel, Kochpraktiken und -techniken früherer Zeiten zu verstehen. Die Frauen reichten ihre Hausrezepte in der Regel in weiblichen Traditionslinien weiter: an die Töchter, die Schwiegertöchter, die Nachbarinnen. So dokumentieren Kochbücher auch Frauennetzwerke, wirtschaftliche Möglichkeiten, soziale Zugehörigkeit, Gedanken, Ideale und Interessen der Schreiberinnen.
Diversität im Kurs fördert den Lernprozess
„Das gemeinsame Arbeiten von Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft fördert den Lernprozess“, sagt Professorin Michaela Fenske. Es tue den Studierenden gut und erfreue die Bürgerinnen und Bürger.
Manche der externen Teilnehmenden seien, wie Ulrike Täuber, nach dem Einführungskurs so begeistert, dass sie weitermachen wollen. Wer das vorhat, kann an der Uni Würzburg selbst zur Forscherin oder zum Forscher werden und in der „Lesegruppe Selbstzeugnisse“ gemeinsam mit Dozentin Dr. Susanne Dinkl private Briefe und Tagebücher für die Wissenschaft auswerten.
Diese Folgekurse finden alle 14 Tage montags von 18:15 bis 19:45 Uhr statt. So kann jeder dazu beitragen, dass immer mehr fränkisches Kulturerbe für die Forschung und andere Zwecke aufbereitet und regionale Geschichte bewahrt wird.
