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    Großes Interesse am 1. Würzburger Brustkrebsforum der Universitätsfrauenklinik

    07.10.2014 |
    Prof. Achim Wöckel (Bildmitte) und die Referenten des 1 Würzburger Brustkrebsforums sowie weitere Beschäftigte der Universitätsfrauenklinik stellten sich gerne den Fragen des Publikums. Bild: Helmuth Ziegler

    Rund 100 Patientinnen, Angehörige, Mediziner und sonstig Interessierte nutzten das 1. Würzburger Brustkrebsforum am 1. Oktober 2014, um sich von den Experten des Universitätsklinikums Würzburg über generelle und topaktuelle Aspekte der Diagnostik und Behandlung von Mammakarzinomen informieren zu lassen.

    Als Pilotveranstaltung zu einer neuen Veranstaltungsreihe stieß das 1. Würzburger Brustkrebsforum vom Fleck weg auf hohes Interesse: Mit rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war der Große Hörsaal der Frauenklinik des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) gut gefüllt. „Wir wissen, dass der Informationsbedarf von Brustkrebspatientinnen, ihren Angehörigen und Freunden, aber auch von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten immens ist“, betonte Prof. Achim Wöckel, der Direktor der Würzburger Universitätsfrauenklinik, zu Beginn der Veranstaltung. „Deshalb sollen Sie und Ihre Fragen heute im Mittelpunkt stehen.“

    Für eine möglichst umfassende Sachkompetenz hatte der Klinikdirektor eine Riege von sieben Krebsexperten des UKW zusammengestellt, die mit laienverständlichen Vorträgen neben der Wissensvermittlung auch Impulse für eine lebhafte Fragerunde lieferten.

    Brustzentrum: Leistungen aus einer Hand und unter einem Dach

    Dr. Michael Schwab, Oberarzt an der Würzburger Universitätsfrauenklinik, schilderte, dass der fachliche Entwicklungsstand in Deutschland von den Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften in der „Interdisziplinären S3-Leitlinie für die Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms“ festgehalten ist. „Auch wenn die über 360 Seiten starke Publikation unter vielen Aspekten den ‚State of the art‘ definiert, ist klar, dass dieses Werk kein allgemeingültiger ‚Behandlungsfahrplan‘ sein kann“, sagte Dr. Schwab. Vielmehr sei bei einer variantenreichen Krankheit wie Brustkrebs mit derzeit jährlich fast 76.000 Neuerkrankungen ein höchst individuelles Vorgehen erforderlich. Das von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierte Brustzentrum der Universitätsfrauenklinik Würzburg biete hierfür beste Voraussetzungen. „Besonders vorteilhaft ist, dass wir das gesamte Leistungsspektrum – angefangen von der Mammographie über Operationen bis hin zur Strahlentherapie – in einer Hand und an einem Ort anbieten können“, unterstrich Dr. Schwab.

    Ein Viertel der Brustkrebsfälle mit genetischem Hintergrund

    Nach den Erfahrungen der Würzburger Krebsspezialisten hat die präventive Brustentfernung der US-amerikanischen Schauspielerin Angelina Jolie die öffentliche Aufmerksamkeit stark auf den familiären Brustkrebs gelenkt. „Tatsächlich geht man derzeit davon aus, dass etwa ein Viertel aller bösartigen Erkrankungen der Brustdrüse erblich bedingt sind“, berichtete Privat-Dozent Dr. Mathias Krockenberger. Laut dem Oberarzt der Würzburger Universitätsfrauenklinik ist es bei einem begründeten Verdacht möglich, sich auf die in Frage kommende Gen-Mutationen hin testen zu lassen. Relevant sei dies zum Beispiel für Frauen, in deren Familie mindestens eine Angehörige vor ihrem 36. Lebensjahr an Brustkrebs erkrankt ist. Auch wenn mindestens drei Brustkrebsfälle ‑ unabhängig vom Alter ‑ in der Familie bekannt sind, sei ein Gentest gerechtfertigt.

    Mit dem Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs verfügt das UKW über eine von bundesweit 14 Einrichtungen, die in der Lage sind, das Risiko eines familiären Brustkrebses zuverlässig abzuklären. „Mit diesem Wissen können Maßnahmen getroffen werden, die die Wahrscheinlichkeit einer Früherkennung erhöhen oder das Erkrankungsrisiko senken“, schilderte Dr. Krockenberger, und fuhr fort: „Die Entscheidung ‑ beispielsweise für eine prophylaktische Brustentfernung ‑ obliegt immer der betroffenen Frau selbst. Wichtig sind hier vor allen Dingen eine umfassende ärztliche Aufklärung und Beratung.“

    Für eine Diagnostik mit Augenmaß

    Dr. Sebastian Häusler lieferte in seinem Vortrag einen Überblick über die diversen Diagnostikmethoden bei der Brustkrebsvor- und -nachsorge. Grundlage ist dabei nach wie vor die Eigen- und die klinische Untersuchung. „Richtig durchgeführt, achten Frauen und Mediziner hierbei nicht nur auf Schwellungen und Knoten, sondern auch auf Hautveränderungen, Asymmetrien, eingezogenen Brustwarzen oder Sekretionen“, beschrieb der Oberarzt der Würzburger Universitätsfrauenklinik. Neben diesen einfachen Tast- und visuellen Befunden liefern technikgestützte Diagnoseverfahren, wie Mammographie, Mammosonographie, Stanzbiopsie und Magnetresonanz-Tomographie (MRT) weitere, detailliertere Informationen. Doch diese Detailschärfe kann problematisch sein. Dr. Häusler: „Die MRT ist zum Beispiel bewusst nicht im Routine-Screening der Früherkennung enthalten, denn sie liefert zu viele Hinweise auf Gewebeauffälligkeiten, die sich im Nachhinein als harmlos erweisen. So würden zu viele unnötige Interventionen provoziert.“ Generell bestehe nach seiner Auffassung die paradoxe Situation, dass Früherkennung die Lebensqualität über die Senkung der Brustkrebssterblichkeit sowohl erhöhen, als auch durch Überdiagnosen, falsche Befunde und strahleninduzierte Karzinome senken kann. Auch bei der Brustkrebsnachsorge sei Augenmaß gefragt: „Die regelmäßige Suche nach Metastasen per Computer-Tomographie oder Ultraschall führt nachweislich nicht zu einer Verbesserung des Gesamtüberlebens“, betonte Dr. Häusler.

    Effektiv und schonend operieren

    Bei der Behandlung von Mammakarzinomen sind vielfach chirurgische Eingriffe erforderlich. Privat-Dozent Dr. Daniel Herr zeigte in seinem Vortrag auf, dass in den meisten Fällen brusterhaltend operiert werden kann. „In der Regel kann hierbei auch die Brustwarze gerettet werden ‑ falls nicht, ist eine Rekonstruktion durch eine Hautverpflanzung aus der Leiste möglich“, berichtete der Leitende Oberarzt der Würzburger Universitätsfrauenklinik. Auch bei einer Entfernung der Brustdrüse (Mastektomie) oder einer Brustamputation (Ablatio mammae) sind laut Dr. Herr durch Implantate ästhetisch akzeptable Ergebnisse möglich.

    Strahlentherapie: adjuvant, palliativ ‑ und bald auch intraoperativ?

    Häufig schließt sich bei Krebspatientinnen an den chirurgischen Eingriff eine Strahlentherapie an. Beim 1. Würzburger Brustkrebsforum machte Dr. Bülent Polat deutlich, dass eine mit Strahlentherapie kombinierte, brusterhaltende Operation ähnlich gute Ergebnisse liefert, wie eine wesentlich radikalere Mastektomie. „Allerdings müssen die Patientinnen einiges an Geduld mitbringen, denn die Bestrahlungen sind meist täglich und das über einen Zeitraum von fünf bis sechs Wochen“, schilderte der Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie des UKW. Neben dieser postoperativen oder auch adjuvanten Strahlentherapie bietet seine Klinik zudem palliative Strahlentherapien an. Diese richten sich gegen Knochenmetastasen, die sich im Gefolge von Mammakarzinomen bilden können. „Hier arbeiten wir nicht auf ein längeres Überleben hin, sondern an der Linderung von Schmerzen“, stellte Dr. Polat klar. Dies gelingt recht gut: In etwa 80 Prozent der Fälle spricht die Schmerzsymptomatik gut auf die Bestrahlung an. Und in rund 70 Prozent der Fälle mündet die Therapie in eine Rekalzifizierung und Stabilitätsverbesserung der betroffenen Knochen.

    Statt die Strahlentherapie erst im Nachgang des chirurgischen Eingriffs durchzuführen, ist es auch möglich, schon während der Operation selbst die infrage kommenden Areale gezielt und hocheffizient zu bestrahlen. „Für eine möglichst schonende Behandlung plant die Universitätsfrauenklinik derzeit unter anderem zusammen mit der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie den Aufbau einer intraoperativen Strahlentherapie“, ergänzte Prof. Achim Wöckel den Vortrag von Dr. Polat.

    Welche ergänzenden Maßnahmen sind sinnvoll?

    „Unsere Patientinnen möchten alles tun, um ihre Heilungschancen zu verbessern“, weiß Dr. Olivia Chow, Funktions-Oberärztin der Würzburger Universitätsfrauenklinik. Neben Ausführungen zu Chemotherapie und Anti-Hormontherapie konzentrierte sich ihr Forums-Vortrag deshalb auf ergänzende Maßnahmen. Speziell übergewichtigen Frauen und Patientinnen mit hormonempfindlichen Brustkrebs legte sie körperliche Aktivität ans Herz. „Laut einer Studie führen schon drei bis fünf Stunden Ausdauersport pro Woche zu einer Mortalitätsreduktion von bis zu sechs Prozent“, unterstrich die Krebsexpertin.

    Demgegenüber lassen sich von den vielen positiven Wirkungen, die der Misteltherapie zugeschrieben werden, die wenigsten beweisen. „Sicher erscheint nur, dass Mistelpräparate die Nebenwirkungen während einer Chemotherapie verringern können“, so Dr. Chow.

    Weitere Stoffe, die sich in der Krebsbehandlung günstig auswirken sollen, sind Selen und Zink. Hierzu gibt es laut der Funktions-Oberärztin jedoch bis dato keine ausreichenden Daten. Der ferner bei Karzinompatientinnen häufig auftretende Vitamin-D-Mangel lasse sich durch eine entsprechend angepasste Ernährung mit Fisch, Eiern und Pilzen auch ohne Präparate ausgleichen.

    In der Pipeline: Zielgerichtete Therapien

    Bei den Therapieoptionen bleibt die Entwicklung selbstverständlich nicht stehen. Während des Forums gab Prof. Hermann Einsele, der Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des UKW, einen Überblick über neue Ansätze speziell bei fortgeschrittenem Brustkrebs. „Neue Chemotherapeutika orientieren sich entweder an der Natur, zum Beispiel an hilfreichen Substanzen aus Meeresschwämmen, oder sie nutzen Hochtechnologien zur Wirkungsverbesserung bekannter Stoffe. Beispielsweise kann eine Verkapselung in Nanostrukturen dafür sorgen, dass Chemotherapeutika noch besser in das Tumorgewebe eindringen“, erläuterte der Krebsexperte.

    Ansonsten geht nach seiner Beobachtung die Entwicklung bei der Behandlung von Brustkrebs in eine ähnliche Richtung wie bei den Leukämien ‑ das Stichwort lautet hier „Zielgerichtete Therapien“. Ihr Ziel ist es, monoklonale Antikörper und gentechnisch umprogrammierte Immunzellen gegen die Tumorzellen zu wenden. Für die Entwicklung dieser auf die Patientinnen maßgeschneiderten, nebenwirkungsarmen Therapien arbeiten die Frauenklinik und die Medizinische Klink II des UKW in mehreren Forschungsprojekten eng zusammen.

    Gute Forschung kostet natürlich auch gutes Geld. Vor diesem Hintergrund nutzte Prof. Einsele seinen Vortrag auch, speziell Gabriele Nelkenstock und dem von ihr gegründeten Verein „Hilfe im Kampf gegen Krebs“ für ihre immer neue finanzielle Unterstützung zu danken.

    Infobedarf ruft nach weiteren Foren

    Auf die Kurzreferate folgten eine lebendige, offene Fragerunde mit dem Publikum sowie viele Einzelgespräche beim anschließenden Get-together. „Hierbei wurde deutlich, dass trotz des weiten Themenangebots der Auftaktveranstaltung längst nicht alle Fragen beantwortet werden konnten. Dies bestärkt mich in der Absicht, das Würzburger Brustkrebsforum als lose Veranstaltungsreihe auf jeden Fall fortzusetzen“, resümierte Prof. Wöckel.

    Bildunterschrift

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    Prof. Achim Wöckel (Bildmitte) und die Referenten des 1 Würzburger Brustkrebsforums sowie weitere Beschäftigte der Universitätsfrauenklinik stellten sich gerne den Fragen des Publikums.

    Bild: Helmuth Ziegler